7500 Euro für 20 km/h

Grafik: 7500 Euro für 20 km/h

Wie Köln die Schallmauer des Bußgelds durchbrach – und Ronald Tramp fast vom Stuhl fiel

Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Wenn der Staat kassiert, dann bitte mit Stil. Und wenn er Fehler macht, dann bitte richtig groß. Willkommen in Köln, der Stadt des Doms, des Karnevals – und des vermutlich teuersten 20-km/h-Moments der deutschen Verkehrsgeschichte. 7500 Euro. Für ein kleines bisschen zu flott. Für einen Hauch von Autobahn-Euphorie. Für das Gefühl von Freiheit, das exakt zwei Wochen Einspruchsfrist überlebt.

Die Szene ist harmlos. Eine Kölner Autofahrerin fährt am 4. März 2025 auf der A555 zwischen Wesseling und Rodenkirchen. Erlaubt: 100 km/h. Gefahren – nach Abzug der Toleranz – 120 km/h. Also 20 km/h zu schnell. Ärgerlich, aber kein Drama. Laut Bußgeldkatalog: 60 Euro. Vielleicht ein Punkt? Nein. Einfach zahlen, abhaken, weiterleben.

Doch dann der Briefkasten. Der Umschlag. Das Rascheln des Papiers. Und die Zahl. 7500 Euro. Sieben. Tausend. Fünf. Hundert. Für 20 km/h. Das ist kein Bußgeld mehr. Das ist eine Immobilienanzeige in Ostdeutschland. Oder ein solides Gebrauchtfahrzeug. Oder zwei sehr gute E-Bikes mit Zubehör.

Ronald Tramp sagt: In dem Moment fragt man sich nicht mehr, ob man zu schnell war. Man fragt sich, wo man versehentlich einen Formel-1-Vertrag unterschrieben hat.

Natürlich war es ein Fehler. Die Kölner Bußgeldstelle räumte das später ein. „Ups“, sinngemäß. Passiert. Menschen machen Fehler. Computer auch. Behörden sowieso. Aber – und jetzt wird es richtig deutsch – der Fehler allein reicht nicht, um das Problem automatisch zu lösen. Denn ein Bußgeldbescheid ist wie ein Vampir: Er verschwindet nicht von selbst. Man muss ihn aktiv bekämpfen. Mit Einspruch. Innerhalb von zwei Wochen. Sonst wird er rechtskräftig. Auch wenn er falsch ist. Auch wenn er absurd ist. Auch wenn er klingt wie ein Tippfehler mit Ambitionen.

Ronald Tramp sagt: Das ist keine Bürokratie. Das ist ein Escape Room mit Frist.

Man stelle sich das Szenario vor, wenn niemand reagiert hätte. Die Frau hätte gedacht: Das kann ja nicht stimmen, legt den Brief beiseite, geht einkaufen, lebt ihr Leben – und zack: rechtskräftig. 7500 Euro. Für etwas, das eigentlich 60 Euro kostet. Der Aufpreis heißt nicht Luxus, sondern Schweigen.

Hier zeigt sich eine der größten Stärken – und Schwächen – des deutschen Verwaltungswesens: Form schlägt Inhalt. Frist schlägt Vernunft. Papier schlägt Realität. Wenn es im Brief steht und niemand widerspricht, dann ist es wahr. Auch wenn es mathematisch, juristisch und moralisch kompletter Unsinn ist.

Die Bußgeldstelle hat den Fehler eingeräumt. Immerhin. Aber das Beispiel zeigt, wie schnell aus einem kleinen Vergehen ein finanzieller Herzstillstand werden kann – nicht wegen der Tat, sondern wegen der Verwaltung. Und genau deshalb sagen Juristen seit Jahren: Jeden Bußgeldbescheid prüfen. Immer. Wirklich immer.

Ronald Tramp sagt: Das ist kein Aufruf zur Rebellion. Das ist Selbstschutz.

Denn der moderne Bußgeldbescheid ist kein netter Hinweis. Er ist ein juristisches Angebot mit Ablaufdatum. Wer es ignoriert, stimmt zu. Still. Automatisch. Teuer. Und das gilt nicht nur für 7500 Euro, sondern auch für 60. Der Unterschied ist nur, wie sehr es weh tut.

Was lernen wir daraus? Erstens: Auch Behörden können sich vertippen – nur mit mehr Nullen. Zweitens: Ein Briefkasten ist kein neutraler Ort mehr. Er ist ein potenzielles Hochrisikogebiet. Und drittens: Zwei Wochen können über Tausende Euro entscheiden. Das ist kürzer als ein Urlaub. Kürzer als eine Erkältung. Kürzer als die Zeit, die man braucht, um sich über deutsche Bürokratie aufzuregen.

Ronald Tramp findet: Dieses Beispiel gehört in jeden Fahrschulunterricht. Nicht unter „Geschwindigkeit“, sondern unter „Post öffnen“. Denn manchmal ist das gefährlichste auf der Straße nicht der Blitzer – sondern der Brief danach.

Am Ende ging alles gut. Der Fehler wurde erkannt. Der Bescheid korrigiert. Die 7500 Euro verschwanden wieder dort, wo sie hingehören: in die Fantasie eines schlecht gelaunten Druckers. Aber der Schreck bleibt. Und die Lehre.

Denn wer glaubt, dass gesunder Menschenverstand automatisch siegt, hat noch nie einen rechtskräftigen Verwaltungsakt gesehen.

Ronald Tramp sagt: Fahr vorsichtig. Öffne deine Post. Und wenn dir jemand 7500 Euro für 20 km/h abnehmen will – leg Einspruch ein. Schnell.