75.000 Songs am Tag – und keiner will sie hören

Grafik: Die große KI-Hitfabrik

Meine Damen und Herren, halten Sie sich fest – die Musikindustrie hat es geschafft. Sie hat endlich den Traum verwirklicht, von dem wirklich niemand wusste, dass er existiert: Musik ohne Musiker. Großartig. Wirklich großartig. Ich, Ronald Tramp – vielleicht der musikalischste Reporter aller Zeiten, viele sagen das – habe mir diese Entwicklung ganz genau angesehen. Und ich sage Ihnen: Das ist nicht nur ein Trend. Das ist eine Invasion. Eine sehr rhythmische, aber auch sehr seelenlose Invasion.

Also, worum geht’s? Beim Streamingdienst Deezer werden mittlerweile unglaubliche 44 Prozent aller neuen Songs von Künstlicher Intelligenz produziert. Vierundvierzig! Fast jeder zweite Song. Das bedeutet: Wenn Sie heute auf „Play“ drücken, ist die Chance ziemlich hoch, dass irgendwo ein Computer beschlossen hat, dass Sie jetzt traurig sein sollten – mit mathematischer Präzision.

Früher hatten wir Künstler. Menschen mit Emotionen. Mit Herz. Mit kaputten Beziehungen und schlechten Entscheidungen – also perfekte Voraussetzungen für gute Musik. Heute? Ein Server in einem klimatisierten Raum komponiert Ihren Herzschmerz. Ohne je geliebt zu haben. Ohne je verlassen worden zu sein. Ohne je eine SMS zu spät beantwortet zu haben. Unglaublich.

Und jetzt kommt der beste Teil: Jeden Tag werden rund 75.000 dieser KI-Songs hochgeladen. Fünfundsiebzigtausend! Pro Tag! Ich kenne nicht mal 75.000 Menschen, geschweige denn 75.000 Songs, die ich hören möchte. Aber irgendwo sitzt eine KI und denkt sich: „Warum nicht noch ein weiterer Track namens ‘Sad Vibes #48372’?“ Sehr kreativ. Wirklich revolutionär.

Und das Wachstum? Atemberaubend. Vor etwas mehr als einem Jahr waren es noch 10.000 Songs täglich. Jetzt 75.000. Das ist kein Wachstum mehr – das ist ein musikalischer Tsunami. Ein Orkan aus belanglosen Beats. Ein Sturm aus algorithmischer Mittelmäßigkeit.

Aber – und jetzt wird es richtig interessant – niemand hört diesen Kram. Ja, Sie haben richtig gehört. Trotz dieser gigantischen Flut machen KI-Songs nur etwa ein bis drei Prozent der tatsächlichen Streams aus. Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant 100 Gerichte auf die Karte setzen – und die Gäste bestellen ausschließlich Pommes.

Warum ist das so? Ganz einfach: Menschen sind vielleicht kompliziert, aber sie sind nicht komplett verrückt. Sie merken, wenn etwas fehlt. Und was fehlt bei KI-Musik? Seele. Persönlichkeit. Der kleine Fehler, der einen Song besonders macht. Die schiefe Note, die plötzlich perfekt klingt. All das kann man nicht einfach programmieren. Zumindest noch nicht.

Deezer hat das Problem übrigens erkannt und versucht gegenzusteuern. Und ich muss sagen: nicht schlecht. Wirklich nicht schlecht. KI-Songs werden gekennzeichnet, aus Empfehlungen ausgeschlossen und sogar technisch benachteiligt – keine hochauflösenden Versionen mehr. Das ist wie eine VIP-Liste im Club, nur umgekehrt: „Du bist KI? Tut uns leid, du kommst hier nicht rein.“

Ich stelle mir das so vor: Ein KI-Song steht vor dem Algorithmus und sagt: „Ich habe einen perfekten Beat, makellose Harmonien und mathematisch optimierte Emotionen.“ Und der Algorithmus antwortet: „Ja, aber hast du jemals Liebeskummer gehabt?“ – „Nein.“ – „Raus.“

Und genau hier liegt der Kern des Problems. KI kann vieles. Sie kann analysieren, kopieren, optimieren. Aber sie kann nicht fühlen. Und Musik – echte Musik – lebt vom Fühlen. Vom Chaos. Von Dingen, die keinen Sinn ergeben, aber trotzdem funktionieren.

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Die Optimisten. Die sagen: „Das ist die Zukunft! Demokratisierung der Musik! Jeder kann jetzt Künstler sein!“ Und ich sage: Nein. Nicht jeder ist Künstler. Und das ist auch gut so. Stellen Sie sich vor, jeder wäre Chirurg. Oder Pilot. Oder Koch. Wir hätten ein Problem. Ein großes Problem.

Was wir hier erleben, ist kein kreativer Fortschritt – es ist eine Content-Inflation. Mehr Songs, weniger Bedeutung. Mehr Output, weniger Substanz. Ein Buffet voller Gerichte, die alle gleich schmecken.

Und trotzdem: Ich liebe es. Wirklich. Nicht die Musik – die Situation. Denn sie zeigt etwas sehr Schönes: Technologie kann vieles ersetzen. Aber nicht alles. Und schon gar nicht den Menschen, der um drei Uhr morgens mit gebrochenem Herzen auf einer Gitarre herumklimpert und plötzlich einen Hit schreibt.

Das kann keine KI. Noch nicht. Vielleicht nie.

Und bis dahin gilt: Wenn Ihnen ein Song zu perfekt klingt, zu glatt, zu… korrekt – dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass irgendwo kein Mensch dahinter steckt, sondern ein Algorithmus, der einfach nur seinen Job macht. Sehr effizient. Sehr langweilig.

Und ich, Ronald Tramp, sage Ihnen: Geben Sie mir lieber einen schlechten echten Song als einen perfekten künstlichen. Denn zumindest weiß ich dann, dass jemand wirklich gelitten hat. Und das, meine Freunde, ist die wahre Kunst.