ALARM! ALARM! … Oder doch nur WINDOWS 98?

Grafik: ALARM! ALARM! … Oder doch nur WINDOWS 98?


Wie Halle (Saale) versehentlich den Weltuntergang probte

Von Ronald Tramp, zertifizierter Sirenenversteher und Krisenmanager für digitale Fehlalarme

Ich sage es, wie es ist: So beginnt normalerweise ein Hollywood-Film. Sirenen heulen. Eine dunkle Stimme ruft auf Englisch: “Active shooter. Lockdown now.” Menschen erstarren. Fenster werden geschlossen. Herzen schlagen schneller. Und irgendwo greift jemand panisch zum Handy – um festzustellen, dass genau in diesem Moment die städtische Webseite offline ist.

Willkommen in Halle (Saale). Kein Tatort. Kein Angreifer. Kein Lockdown. Sondern: ein Hacker. Oder ein Hobby-Hacker. Oder jemand mit zu viel Zeit, zu wenig Verantwortung und offenbar Zugriff auf die Sirenenanlage.

Ganz Halle wurde überrascht. Nicht vorbereitet, nicht vorgewarnt, nicht informiert – außer durch eine Durchsage, die klang, als wäre sie direkt aus einem amerikanischen Schuldrama importiert worden. Englisch! Warum Englisch? Ich sage: Wenn schon Panik, dann bitte international.

Die Stadtverwaltung reagierte schnell. Sehr schnell. Sie erklärte: Das waren wir nicht. Auch nicht das Land Sachsen-Anhalt. Auch nicht der Bund. Niemand war es. Ein Klassiker. Wenn etwas schiefgeht, war es immer ein „externer Zugriff“. Der unsichtbare Bösewicht der Digitalisierung. Früher nannte man das Einbrecher. Heute heißt es: externer Zugriff.

Oberbürgermeister und Sicherheitsdezernent erklärten, es habe zu keinem Zeitpunkt eine reale Gefahr bestanden. Das ist beruhigend. Sehr beruhigend. Besonders, wenn man gerade noch dachte, man müsse sich unter den Küchentisch werfen. Die Warn-Apps Katwarn und Nina wurden nicht ausgelöst. Also alles gut. Wenn Nina schweigt, ist alles okay. Das ist die neue Sicherheitslogik.

Natürlich wurden sofort Maßnahmen ergriffen. Die Sirenen seien jetzt besser gesichert. Anzeige wurde erstattet. Polizei und Staatsschutz ermitteln „auf Hochtouren“. Hochtouren ist ein schönes Wort. Es klingt nach Action. Nach Tempo. Nach jemandem, der sehr ernst vor einem Bildschirm sitzt und sagt: „Das darf nicht nochmal passieren.“

Und dann das nächste Highlight: Die städtische Webseite war kurzzeitig nicht erreichbar. Warum? Weil plötzlich sehr viele Menschen gleichzeitig wissen wollten, ob sie gerade in einem Thriller leben. Die Stadt schließt einen gezielten Angriff aus. Natürlich. Es war kein Angriff. Es war nur das Internet, das kurz gesagt hat: „Das ist mir zu viel Realität auf einmal.“

Aber jetzt wird es ernst. Denn dieser Vorfall ist mehr als ein schlechter Scherz. Er zeigt, was passiert, wenn kritische Infrastruktur digitalisiert wird, ohne dass jemand fragt, ob sie auch gesichert ist. Sirenen sind kein Pop-up-Fenster. Sie sind kein Newsletter. Sie sind das letzte Mittel. Wenn sie heulen, sollte man ihnen glauben können.

Stattdessen erleben wir das, was man heute eine digitale Generalprobe für den Ernstfall nennen könnte – nur leider ohne Regisseur, ohne Skript und ohne Happy End. Und besonders belastend ist das für Menschen mit Fluchterfahrung oder traumatischen Erlebnissen. Für sie ist ein solcher Alarm kein technisches Missgeschick. Er ist ein Trigger. Ein Schock. Eine Erinnerung.

Und hier kommt meine große Frage: Warum war die Durchsage auf Englisch?
War das ein internationaler Hacker?
Ein Streaming-Fan?
Oder einfach ein System, das irgendwann auf „USA-Modus“ gestellt wurde und nie wieder zurück?

Ich stelle mir vor, wie irgendwo ein Server läuft, auf dem steht:
– Sprache: Englisch
– Sicherheitsupdate: ausstehend seit 2014
– Passwort: admin123

Und genau dieser Server entscheidet dann, ob eine ganze Stadt kurz glaubt, sie sei im Ausnahmezustand.

Natürlich sagt die Stadt jetzt: Alles ist sicher. Alles funktioniert. Alles alarmbereit. Und ich glaube das sogar. Wirklich. Aber Vertrauen ist wie eine Sirene: Wenn sie einmal falsch ausgelöst wird, hört man beim nächsten Mal genauer hin. Oder gar nicht mehr.

Denn was passiert beim nächsten Alarm? Denken die Menschen dann: Ach, bestimmt wieder ein Hacker. Oder reagieren sie zu spät? Das ist der gefährliche Teil. Nicht der Fehlalarm selbst, sondern das, was er beim nächsten Mal auslöst – oder eben nicht.

Halle hat Glück gehabt. Keine Verletzten. Keine Panik mit Folgen. Aber der Vorfall zeigt: Der Ernstfall ist nicht nur der Angreifer – der Ernstfall ist auch das System selbst.

Sirenen sind analog. Ihre Steuerung ist digital. Und irgendwo dazwischen sitzt der Mensch – verwirrt, verängstigt, mit offenem Browser und keiner Antwort.

Ich sage:
Wenn wir Warnsysteme digitalisieren, müssen wir sie schützen wie Gold.
Oder wenigstens wie das WLAN-Passwort im Rathaus.

Denn der nächste Alarm könnte echt sein.
Und dann sollte niemand denken:
Ach, das ist bestimmt wieder nur ein Update.