Alle Roboter sind schon da

Wie Ameca die Pflege rettet, ein Volkslied singt und uns freundlich ersetzt
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der schon immer wusste, dass die Zukunft piept, blinkt und höflich lächelt.
Die Frage ist nicht mehr ob Roboter uns pflegen werden. Die Frage ist nur noch: Singen sie dabei sauber die zweite Strophe oder nicht?
Denn in Oldenburg, einer Stadt, die bisher eher für Wind, Wissenschaft und sehr gerade Straßen bekannt war, ist es nun passiert: Ein humanoider Roboter namens Ameca steht in Pflegeeinrichtungen, hebt die Arme, zählt Gymnastikübungen an und singt mit Senioren „Alle Vögel sind schon da“. Ich wiederhole: Ein Roboter. Singt. Ein Volkslied. Mit Menschen.
Und wissen Sie was? Das ist nicht der Anfang eines Science-Fiction-Films. Das ist deutsche Realität. Gefördert, erforscht und mit Klemmbrett begleitet.
Die Gesellschaft wird älter. Sehr älter. So alt, dass man irgendwann anfängt, über Sitzgymnastik zu diskutieren. Gleichzeitig wächst der Personalmangel in der Pflege. Niemand will den Job machen, weil er anstrengend ist, schlecht bezahlt wird und man dabei ständig lächeln soll. Also sagt sich die Wissenschaft: Kein Problem. Wir bauen einfach einen Menschen nach. Aus Metall.
Enter Ameca. Humanoid. Freundliches Gesicht. Blick, der gleichzeitig beruhigt und leicht beunruhigt. Einer dieser Blicke, bei denen man denkt: Der meint es gut – aber weiß er zu viel?
Die Forscher aus Oldenburg – kluge Leute, sehr kluge Leute – haben Ameca in Pflegeheime geschickt, um herauszufinden, wie Menschen reagieren. Akzeptanz ist das große Wort. Akzeptanz! Ein Wort, das sonst nur bei neuen Handy-Ladebuchsen benutzt wird.
Und siehe da: Ameca leitete Sitzgymnastik an. Keine Beschwerden. Kein Streik. Keine Krankmeldung. Und dann sang er. Sang.
„Alle Vögel sind schon da.“
Ironischer geht es kaum. Während draußen vielleicht keine Vögel mehr da sind, stehen drinnen Senioren und ein Roboter und singen gemeinsam über den Frühling. Gänsehaut. Oder zumindest ein leises Surren.
Die Wissenschaftler betonen natürlich sofort: Niemand soll ersetzt werden. Das sagen sie immer. Immer. Auch beim Kopierer. Auch bei E-Mails. Auch bei KI. „Es geht nur um Unterstützung.“ Klar. Unterstützung ist der kleine Bruder von „Du bist bald weg“.
Ingenieurin Celia Nieto Agraz erklärte sehr sachlich, man wolle zeigen, was technisch möglich ist – und was nicht. Sehr wichtig. Grenzen. Grenzen sind wichtig. Besonders bei Robotern. Man will wissen: Kann er singen? Ja.
Kann er trösten? Vielleicht.
Kann er zuhören? Technisch ja, emotional… wir arbeiten dran.
Geplant ist, dass Roboter wie Ameca künftig helfen. Beim Vorlesen. Beim Singen. Bei Fitnessübungen. Also genau bei den Dingen, bei denen Menschen sonst sagen: „Ich habe heute keine Zeit.“ Der Roboter hat immer Zeit. Er hat nichts vor. Er altert nicht. Und er vergisst nie den Text.
Natürlich gibt es Kritiker. Die sagen: „Ich möchte nicht von einem Roboter gepflegt werden.“ Das sagten Menschen auch über Geldautomaten. Und jetzt reden sie mehr mit Automaten als mit ihren Nachbarn.
Man stelle sich die Zukunft vor:
Ameca kommt morgens ins Zimmer.
„Guten Morgen, Frau Müller. Zeit für Gymnastik.“
Er lächelt. Immer. Perfekt.
Keine schlechte Laune. Kein Montag. Kein „Ich hab Rücken“.
Und während der Roboter singt, sitzen Wissenschaftler daneben und machen sich Notizen:
Lächelt der Mensch?
Lacht er?
Oder fragt er, ob das Ding auch Kaffee kochen kann?
Denn das ist die eigentliche Frage. Wenn Roboter singen, lesen und turnen können – was kommt als Nächstes?
Kartenspiele?
Smalltalk?
„Früher war alles besser“-Diskussionen?
Ich sehe es schon kommen: Der erste Roboter, der sagt:
„Ach wissen Sie, diese Jugend von heute…“
Dann ist es vorbei. Dann sind sie wirklich angekommen.
Die Forscher sagen, Ameca habe Grenzen. Sehr beruhigend. Noch. Er ersetzt kein Fachpersonal. Noch. Aber er ist ein Hilfsmittel. Und Hilfsmittel haben in der Geschichte eine gewisse Tendenz, irgendwann Hauptmittel zu werden.
Trotzdem: Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Vielleicht ist es sogar schön. Ein Roboter, der geduldig ist. Der immer freundlich bleibt. Der nie genervt ist, wenn jemand dieselbe Geschichte zum fünften Mal erzählt. Menschen könnten sich wieder auf das konzentrieren, was Maschinen nicht können: echte Nähe. Hoffentlich.
Oder wir enden alle in einem Chor aus Senioren und Robotern, die gemeinsam Volkslieder singen, während irgendwo ein Wissenschaftler sagt:
„Die Akzeptanzwerte sind erstaunlich hoch.“
Und wenn Ameca eines Tages am Ende des Liedes sagt:
„Danke fürs Mitsingen. Update erfolgreich installiert.“
Dann wissen wir: Die Zukunft ist da.
Und sie singt erstaunlich sauber.
Bleiben Sie menschlich.
Solange es noch geht.


