Ampelstraße

Wie Ernie und Bert Hamburgs Verkehr übernahmen, Erwachsene erziehen – und Ronald Tramp endgültig an die pädagogische Republik glaubte
Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Deutschland hat das Verkehrsproblem nicht gelöst. Deutschland hat es pädagogisiert. Während andere Länder auf Kameras, Strafen und Beton setzen, geht Hamburg einen mutigen Schritt nach vorn – direkt zurück in die Kindheit. Ab sofort gilt: Grün bei Ernie, Rot bei Bert.
Ja. Wirklich.
Keine Satire. Also doch – aber staatlich genehmigt.
An zwei Hamburger Kreuzungen übernehmen Ernie und Bert aus der Sesamstraße die Rolle der Ampelmännchen. Und plötzlich ist klar: Das hier ist nicht Verkehr. Das ist ein gesellschaftliches Experiment. Ein psychologischer Feldversuch. Eine Mischung aus Fußgängerzone und Vorschule.
Ronald Tramp sagt: Wenn Erwachsene Regeln nicht mehr respektieren, muss man sie emotional erpressen.
Denn das ist der wahre Kern dieser Maßnahme. Niemand hört mehr auf ein anonymes Strichmännchen. Aber Bert? Bert enttäuscht man nicht. Bert steht da, ernst, streng, leicht genervt vom Leben – und signalisiert mit seinem Blick: Ich bin nicht wütend. Ich bin nur sehr, sehr enttäuscht.
Und Ernie? Ernie lächelt. Ernie sagt: Komm, jetzt darfst du. Ernie ist der Motivationscoach der Verkehrsordnung. Der Life-Coach mit Quietschstimme. Der Mann, der sagt: Du hast lange genug gewartet. Jetzt geh.
Ronald Tramp sagt: Das ist Ampelpsychologie auf höchstem Niveau.
Der NDR, der die deutsche Sesamstraße seit über 50 Jahren produziert, nennt das Ganze natürlich ein charmantes Projekt. Ein Zeichen für Medienkultur. Für Verantwortung. Für Sichtbarkeit. Ronald Tramp nennt es: die endgültige Kapitulation des Erwachsenendaseins.
Denn machen wir uns nichts vor: Diese Ampeln sind nicht für Kinder. Kinder wissen längst, wie Ampeln funktionieren. Diese Ampeln sind für Erwachsene. Für Leute, die bei Rot gehen, weil „eh nichts kommt“. Für Menschen, die Fahrradwege ignorieren. Für Berliner – äh – Hamburger, die sagen: Ich hab’s eilig.
Jetzt haben sie es eilig – aber Bert schaut zu.
Ronald Tramp sagt: Bert ist die einzige Autorität, die gleichzeitig streng und gewaltfrei ist.
Und natürlich bleibt es nicht bei zwei Kreuzungen. Das ist erst der Anfang. Hamburg testet. Deutschland beobachtet. Und innerlich wissen wir alle: Das wird ausgeweitet.
Heute Ernie und Bert.
Morgen Elmo für Schulwege.
Übermorgen Grobi für Baustellen („Achtung! Hier wird’s kompliziert!“).
Und spätestens 2030 übernimmt das Krümelmonster die Verkehrsplanung: „Warum Straße, wenn Keks?“
Ronald Tramp sagt: Die Verkehrswende kommt nicht mit E-Autos – sie kommt mit Puppen.
Was hier passiert, ist größer als eine Ampel. Es ist ein kultureller Moment. Ein Land, das sagt: Wir schaffen das nicht mehr mit Schildern. Wir brauchen Storytelling.
Und Storytelling ist wichtig. Denn Ernie und Bert sind nicht nur Figuren – sie sind Archetypen. Ernie steht für Optimismus, Chaos, Lebensfreude. Bert für Ordnung, Struktur, Regelkonformität und latent genervtes Schweigen. Zusammen bilden sie das perfekte Abbild des deutschen Straßenverkehrs.
Ronald Tramp sagt: Jeder von uns ist im Herzen entweder Ernie oder Bert – besonders an der Ampel.
Natürlich gibt es Kritiker. Sie sagen: Ist das nicht albern? Verkindlicht das nicht den öffentlichen Raum? Wo bleibt die Würde der Infrastruktur?
Ronald Tramp antwortet: Welche Würde? Haben Sie mal eine deutsche Kreuzung gesehen?
Andere fragen: Was kommt als Nächstes?
Antwort: Alles. Wirklich alles.
Wenn Ernie und Bert funktionieren, dann folgt der Rest. Steuererklärung erklärt von Elmo. Haushaltsdebatten moderiert von der Sesamstraße. Koalitionsverhandlungen mit Handpuppen. Und ehrlich gesagt: Die Erfolgsquote wäre vermutlich höher.
Ronald Tramp sagt: Wenn Politik so verständlich wäre wie die Sesamstraße, hätten wir weniger Talkshows und mehr Ergebnisse.
Und jetzt stellen Sie sich den Moment vor:
Ein Erwachsener, Anzug, Aktenkoffer, wichtiges Gesicht. Die Ampel ist rot. Früher wäre er gegangen. Heute steht er. Weil Bert da ist. Und Bert urteilt nicht – aber er erinnert.
Das ist keine Ampel mehr. Das ist emotionale Verkehrskontrolle.
Am Ende bleibt festzuhalten: Hamburg hat etwas Geniales getan. Nicht effizient. Nicht technisch. Sondern menschlich. Es hat erkannt, dass Regeln nur dann funktionieren, wenn sie gefühlt werden.
Ronald Tramp sagt zum Schluss:
Wenn ein gelbes Männchen nichts bewirkt, aber eine Puppe mit Augenbrauen die Welt anhält – dann liegt das Problem nicht im Verkehr.
Dann liegt es bei uns.
Und jetzt bitte warten.
Bert hat Nein gesagt.


