Amsterdam sagt dem Schnitzel den Kampf an

Grafik: Willkommen in der fleischlosen Werbezukunft

 

Willkommen in der fleischlosen Werbezukunft

Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für urbane Umerziehung, klimaneutrale Versuchungen und das große Schweigen der Bratwurst

Ich sage es gleich: Amsterdam ist mutig. Sehr mutig. Während andere Städte über Radwege streiten oder Parkplätze zählen, greift man dort jetzt direkt an der Wurzel des Problems an. Nicht bei Autos. Nicht bei Fabriken. Sondern bei der Werbung. Genauer gesagt: bei der Werbung für Dinge, die Menschen mögen.

Ab diesem Sommer darf man in Amsterdam an Straßen, Plätzen und Haltestellen keine Reklame mehr machen für Fleisch und fossile Energien. Also keine Hamburger, keine Kreuzfahrten, keine Dieselautos, keine Flugreisen. Kurz gesagt: nichts mehr, was Spaß macht, Hunger auslöst oder Fernweh verursacht.

Die Stadt ist damit laut eigenen Angaben die erste Hauptstadt der Welt, die Fleischwerbung verbietet. Ein historischer Moment. Endlich ist klar: Nicht der Konsum ist das Problem – sondern das Plakat.

Die Wurst ist schuld

Die Logik ist brillant:
Wenn niemand mehr ein Bild von einem Burger sieht, hört er automatisch auf, Burger zu essen.
Wenn niemand mehr ein Kreuzfahrtschiff sieht, bleibt er freiwillig zu Hause.
Und wenn niemand mehr ein Flugzeug auf einem Poster sieht, denkt er sich: „Ach nee, Urlaub ist eh überbewertet.“

Das ist Klimaschutz durch visuelle Askese. Werbung als Gefahrstoff. Ein Steak als Einstiegsdroge.

Ein „wichtiger Sieg“ – wogegen genau?

Die Partei GroenLinks, eine der treibenden Kräfte hinter dem Verbot, sprach von einem „wichtigen Sieg für das Klima und die öffentliche Gesundheit“.

Ein Sieg! Endlich. Über wen? Über die Leberwurst? Über das Schnitzel? Über den Grillabend?

Man muss sich das vorstellen: Während das Klima sich denkt „Nett gemeint“, sitzt irgendwo ein Bürger an der Bushaltestelle, sieht statt Burgern jetzt nur noch abstrakte Kunst – und isst zu Hause trotzdem Fleisch. Nur mit weniger schlechtem Gewissen? Oder mit mehr?

Werbung: Der letzte Hebel der Moral

Schon 2020 wollte Amsterdam fossile Werbung verbieten. Damals klappte es noch nicht. Vielleicht war die Stadt noch nicht bereit. Vielleicht war das Plakat stärker. Aber jetzt ist es so weit. Die Moral hat gewonnen. Zumindest auf Litfaßsäulen.

Denn was darf man künftig noch bewerben?
Vermutlich:

  • Leitungswasser

  • Brokkoli

  • Nachhaltige Gedanken

  • Und Kurse zum bewussten Atmen

Vielleicht kommt bald das erste Plakat mit der Aufschrift: „Iss nichts. Denk nach.“
Ohne Text natürlich. Nur ein leerer Raum. Sehr klimafreundlich.

Die neue Stadtlandschaft

Amsterdam ohne Fleischwerbung ist wie Paris ohne Baguette-Plakate oder Italien ohne Pizza-Fotos. Möglich, aber irgendwie… leer.

Touristen werden künftig an der Haltestelle stehen und fragen:
„Entschuldigung, wo gibt es hier was zu essen?“
Antwort: „Überall. Aber bitte nicht drüber reden.“

Und die Restaurants? Die dürfen natürlich weiter Fleisch verkaufen. Das ist wichtig. Niemand will hier Verbote. Nur… Sichtbarkeit. Fleisch soll existieren – aber bitte diskret. Wie ein schlechtes Gewissen.

Fossile Energie – jetzt auch unsichtbar

Besonders spannend ist das Verbot fossiler Werbung. Dieselautos, Flugreisen, Kreuzfahrten – alles weg. Das ist konsequent. Schließlich wissen wir: Wenn niemand mehr Werbung für Flugreisen sieht, verschwindet der Flughafen irgendwann aus Scham.

Kreuzfahrten sind ohnehin ein leichtes Ziel. Große Schiffe, kleine Sympathiewerte. Sie passen perfekt ins Feindbild. Ein schwimmender Klimasünder mit Buffet. Weg damit. Zumindest von den Plakaten.

Der Mensch als formbares Wesen

Das zugrunde liegende Menschenbild ist faszinierend:
Der Mensch ist ein Wesen, das hauptsächlich durch Werbung gesteuert wird. Ohne Plakat kein Verlangen. Ohne Anzeige kein Hunger. Ohne Poster kein CO₂.

Das ist der Traum jeder Behörde: Bürger, die nichts tun, solange man es nicht bewirbt.

 

Ich finde das alles großartig. Wirklich. Nicht, weil es wirkt – sondern weil es so herrlich symbolisch ist.

Amsterdam rettet das Klima, indem es der Bratwurst das Mikrofon abdreht.
Es schützt die Gesundheit, indem es Bilder verbietet.
Und es zeigt der Welt: Wenn wir das Problem nicht lösen können, lösen wir wenigstens die Werbung auf.

Der CO₂-Ausstoß bleibt.
Der Fleischkonsum auch.
Aber die Bushaltestelle ist jetzt moralisch sauber.

Und manchmal, liebe Leserinnen und Leser, ist genau das das Ziel moderner Politik:
Nicht die Realität zu verändern – sondern ihr Erscheinungsbild.