Angeklagt: Die Schwerkraft

Grafik: Angeklagt: Die Schwerkraft

Ronald Tramp berichtet über den spektakulärste nGerichtsprozess der Physik. 

Meine Damen und Herren, ich habe schon viele Gerichtsprozesse gesehen. Große Prozesse. Historische Prozesse. Prozesse über Milliarden, über Politik, über Dinge, die wirklich kompliziert sind.

Aber was jetzt vor einem deutschen Gericht entschieden wurde, meine Freunde, das ist etwas völlig Neues.

Denn diesmal ging es nicht um Menschen.

Nicht um Unternehmen.

Nicht um Tiere.

Nein.

Der wahre Schuldige war laut Gericht:

Die Schwerkraft.

Ja.

Die Schwerkraft.

Eine Naturkraft. Eine universelle Größe. Ein Konzept, das seit Isaac Newton bekannt ist – der Mann, der angeblich unter einem Apfelbaum saß und plötzlich verstand, warum Dinge nach unten fallen.

Und jetzt, viele Jahrhunderte später, steht diese Kraft indirekt vor Gericht.

Ich liebe diese Geschichte.

Also schauen wir uns an, was passiert ist.

Eine Tierärztin hatte die Aufgabe, ein Pony einzuschläfern.

Eine traurige Situation, natürlich. Aber eine Aufgabe, die Tierärzte regelmäßig übernehmen.

Das Pony bekommt das Medikament.

Das Tier wird schwächer.

Und dann passiert etwas, das jeder Physiklehrer sofort erklären kann.

Das Pony fällt um.

Und zwar auf das Bein der Tierärztin.

Das Ergebnis: Verletzung.

Nicht angenehm.

Und natürlich stellt sich dann die große juristische Frage:

Wer ist schuld?

Ist es die Halterin des Ponys?

Ist es das Pony selbst?

Oder – und jetzt wird es interessant – war es einfach… Physik?

Die Tierärztin entschied sich für den klassischen Weg.

Sie klagte.

Schmerzensgeld.

Mindestens zehntausend Euro.

Denn schließlich war sie verletzt worden.

Doch die Gerichte begannen zu prüfen.

Und dabei tauchte ein Begriff auf, der normalerweise eher in Lehrbüchern als in Gerichtsurteilen vorkommt:

„Typische Tiergefahr.“

Ein wunderschöner Ausdruck.

Denn Tiere können unberechenbar sein.

Sie können treten.

Sie können springen.

Sie können plötzlich Dinge tun, die niemand erwartet.

Wenn ein Tier also eigenwillig handelt, dann kann der Halter verantwortlich sein.

Doch in diesem Fall, so sagten die Richter, war das Pony überhaupt nicht eigenwillig.

Es hatte keinen rebellischen Moment.

Kein dramatisches Aufbäumen.

Keine wilde Flucht.

Nein.

Es tat etwas viel Einfacheres.

Es verlor die Kraft.

Und fiel um.

Und warum fiel es um?

Jetzt kommt die wissenschaftliche Sensation.

Die Schwerkraft.

Ich stelle mir den Moment im Gerichtssaal vor.

Der Richter blickt auf die Akten.

Dann sagt er vermutlich etwas wie:

„Nun, meine Damen und Herren, Dinge fallen nun einmal nach unten.“

Eine brillante juristische Analyse.

Denn wenn etwas kraftlos wird, dann greift ein Naturgesetz.

Ein sehr altes Naturgesetz.

Ein Gesetz, das übrigens für alles gilt.

Äpfel.

Steine.

Pianos in Zeichentrickfilmen.

Und offenbar auch Ponys.

Das Gericht entschied also:

Niemand haftet.

Nicht die Halterin.

Nicht das Pony.

Sondern schlicht die Physik.

Ein Urteil, das wahrscheinlich Isaac Newton sehr stolz gemacht hätte.

Ich stelle mir vor, wie Newton irgendwo im Universum sitzt und sagt:

„Endlich erkennt die Justiz meine Arbeit an.“

Natürlich wirft dieses Urteil auch neue Fragen auf.

Zum Beispiel:

Was passiert, wenn künftig mehr Naturkräfte juristisch relevant werden?

Stellen Sie sich vor:

Ein Stuhl bricht.

Der Angeklagte: Materialermüdung.

Ein Dachziegel fällt herunter.

Der Angeklagte: Wind.

Ein Kaffee verschüttet sich.

Der Angeklagte: Flüssigkeitsdynamik.

Wir betreten hier eine völlig neue Dimension der Rechtsprechung.

Die Physik-Justiz.

Vielleicht gibt es bald Prozesse gegen andere Naturkräfte.

„Der Staat gegen die Reibung.“

„Die Bevölkerung gegen die Thermodynamik.“

Oder mein persönlicher Favorit:

„Das Volk gegen den Montagmorgen.“

Doch zurück zu unserem Pony.

Das Tier hat also nichts falsch gemacht.

Es hat keine juristisch relevante Entscheidung getroffen.

Es ist einfach gefallen.

So wie Dinge seit Milliarden Jahren fallen.

Und damit ist der Fall abgeschlossen.

Die Tierärztin bekommt kein Schmerzensgeld.

Die Halterin muss nichts zahlen.

Und die Schwerkraft bleibt weiterhin unbestraft.

Ich muss sagen: Das ist wahrscheinlich das ehrlichste Urteil der Welt.

Denn manchmal ist niemand schuld.

Manchmal ist es einfach die Natur.

Ich bin Ronald Tramp.

Und ich sage euch:

Wenn sogar Gerichte feststellen, dass am Ende die Schwerkraft verantwortlich ist, dann zeigt das eine ganz wichtige Wahrheit.

Manche Dinge fallen einfach.

Und zwar wortwörtlich.