Ausstellung weg, Problem weg

Amerikas neue Methode der Vergangenheitsbewältigung
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für museale Leerräume, staatlich genehmigtes Vergessen und Geschichte auf Abruf
Ich sage es gleich vorweg: Wenn Geschichte unbequem wird, muss sie weg. Nicht diskutieren. Nicht einordnen. Nicht erklären. Einfach abbauen. Am besten nachts, geräuschlos, mit Handschuhen – wie ein schlecht geparkter E-Scooter.
Seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump erleben die Vereinigten Staaten eine bemerkenswerte kulturelle Fitnesskur. Alles, was zu schwer, zu kritisch oder zu historisch belastend ist, wird konsequent entsorgt. Kulturinstitutionen? Unter Beobachtung. Museen? Auf Diät. Geschichte? Nur noch, wenn sie lächelt.
Im vergangenen Jahr wurden bereits missliebige Inhalte aus Nationalmuseen in Washington entfernt. Jetzt folgt der nächste logische Schritt: In Philadelphia wurde eine Freiluftausstellung zur Geschichte der Sklaverei in den USA abgebaut. Komplett. Weg. Nicht mehr da. Wie vom Erdboden verschluckt – was thematisch fast schon ironisch ist.
Die neue Leitlinie: Weniger Erinnerung, mehr Ruhe
Die Maßnahme wurde von der Nationalparkverwaltung umgesetzt, die – rein zufällig – dem Innenministerium unter Doug Burgum untersteht. Die offizielle Begründung ist, wie so oft, vage. Verwaltung. Zuständigkeiten. Prüfungen. Sie kennen das. Das politische Äquivalent zu „Der Hund hat die Hausaufgaben gefressen.“
Die Wirkung hingegen ist klar: Eine Ausstellung, die sich mit der Geschichte der Sklaverei befasste, existiert nicht mehr. Und was nicht existiert, kann bekanntlich auch niemanden stören. Das ist Fortschritt nach dem Prinzip der selektiven Wahrnehmung.
Philadelphia reagiert – mit etwas, das man Erinnerung nennt
In Philadelphia, einer Stadt, die sich historisch gern als Wiege der amerikanischen Freiheit versteht, kam das nicht besonders gut an. Der Stadtrat war – wie soll ich sagen – nicht begeistert.
Der Stadtratspräsident Kenyatta Johnson erklärte öffentlich, es sei „komplett inakzeptabel“, dass eine Ausstellung zur Sklaverei entfernt wurde. Die Stadt reichte Klage ein. Ein seltener Moment, in dem Kommunalpolitik und Geschichte gleichzeitig anklopfen – und beide sehr deutlich.
Johnson sprach von einem Versuch, die amerikanische Geschichte zum Nachteil Schwarzer umzuschreiben. Umschreiben ist dabei ein freundliches Wort. Es klingt nach Stift und Papier. Tatsächlich wirkt es eher wie Radieren mit dem Bagger.
Geschichte als Stolperfalle – besser weg damit
Man muss das strategisch sehen. Geschichte ist kompliziert. Sie wirft Fragen auf. Sie zeigt Widersprüche. Sie zwingt dazu, Dinge auszuhalten, die nicht heroisch sind. Sklaverei ist so ein Thema. Schwer. Unangenehm. Nicht ideal für Selfies.
Warum also nicht einfach sagen: „Das passt gerade nicht ins Bild.“
Oder noch besser: „Das war früher. Heute sind wir anders.“
Oder am allerbesten: „Welche Ausstellung?“
Das ist eine bemerkenswert effiziente Form der Geschichtspolitik: Man ändert nicht die Fakten – man entfernt die Tafel, auf der sie standen.
Museen im neuen Amerika: Bitte nur positive Exponate
Die Linie ist erkennbar. Museen sollen künftig Orte des Wohlfühlens sein. Keine Konfrontation. Keine Schuld. Keine dunklen Kapitel. Stattdessen vielleicht:
Gründerväter mit perfektem Haarschnitt
Freiheitsstatuen ohne Kontext
Geschichte als Highlight-Reel
Die Sklaverei? Ein Randthema. Wenn überhaupt. Vielleicht als Fußnote. In sehr kleiner Schrift. Auf Anfrage. Mit Voranmeldung.
Umschreiben durch Weglassen – ein Klassiker
Historiker nennen das „damnatio memoriae“. Politiker nennen es „Ordnung“. Kommunikationsberater nennen es „Narrativpflege“. Und irgendwo sitzt ein Museumsführer und fragt sich, ob er jetzt die leeren Stellwände erklären oder einfach schweigen soll.
Denn Schweigen ist die neue Ausstellungsform. Leere Flächen sagen schließlich auch etwas. Zum Beispiel: „Hier stand mal etwas Wichtiges.“
Ich bewundere die Konsequenz. Wirklich.
Wenn man Probleme nicht lösen kann, entfernt man die Erinnerung daran.
Wenn Geschichte stört, wird sie abgebaut.
Wenn Fakten unbequem sind, nimmt man ihnen den Raum.
Das ist keine Zensur – das ist Innenarchitektur der Erinnerung.
Doch Geschichte hat eine lästige Eigenschaft: Sie verschwindet nicht, nur weil man sie abbaut. Sie bleibt. In Büchern. In Familien. In Städten. Und manchmal kommt sie zurück – lauter, größer und mit sehr vielen Fragen.
Die Ausstellung in Philadelphia ist weg.
Die Geschichte der Sklaverei nicht.
Und wer glaubt, man könne ein Land versöhnen, indem man seine Vergangenheit zusammenfaltet und ins Lager stellt, der verwechselt Ruhe mit Gerechtigkeit.


