Berlin entdeckt den Winter

Grafik:Berlin entdeckt den Winter

und fordert sofort ein Gesetz dagegen

Meine Damen und Herren, liebe Hauptstadtbewohner, unfreiwillige Eiskunstläufer und Menschen, die morgens das Haus verlassen und abends im Krankenhaus ankommen:
Berlin ist überrascht. Völlig überrascht. Denn etwas völlig Unvorhersehbares ist passiert. Es ist Winter.

Ja. Winter.
Dieses mysteriöse Naturphänomen, das alle zwölf Monate plötzlich auftaucht – meist ohne Vorwarnung, ohne Antrag und ohne Taskforce. Und diesmal hat es Berlin erwischt. Eisregen. Frost. Glatte Gehwege. Menschen rutschen. Hunde rutschen. Selbst die Hoffnung rutscht.

Und was macht die Politik? Sie reagiert. Schnell. Emotional. Mit einem Post.

Der Regierende Bürgermeister fordert auf X eine Gesetzesänderung. Nicht etwa mehr Räumfahrzeuge. Nicht bessere Organisation. Nein. Eine Gesetzesänderung. Denn wenn etwas in Berlin nicht funktioniert, dann liegt es meistens am Gesetz. Oder an der Natur. Oder an beidem.

Der Vorschlag: Streusalz.
Salz! Dieses aggressive, uralte, fast schon barbarische Mittel, das seit Jahrhunderten Eis in seine Schranken weist. Berlin aber sagt normalerweise: Nein. Zu umweltschädlich. Zu effektiv. Zu eindeutig.

Doch jetzt – Ausnahmezustand! Eisregen! Anhaltender Frost! Man müsse handeln. „Es ist unsere Pflicht“, heißt es. Pflicht! Ein großes Wort. Besonders, wenn man dabei auf einem spiegelglatten Bürgersteig steht und sich fragt, ob die Pflicht auch Haftpflicht einschließt.

Ich liebe diese Dramatik. „Extreme Wetterbedingungen“, sagt man. Als wäre Berlin plötzlich am Nordpol. Dabei sagen andere Städte einfach: „Es ist kalt.“
Berlin hingegen sagt: „Wir brauchen ein neues Gesetz.“

Und natürlich dauert es keine fünf Minuten, bis das Internet reagiert. Spott. Gelächter. Häme. Menschen aus anderen Bundesländern schreiben Dinge wie: „Man nennt es Winter.“ Brutal. Grausam. Aber wahr.

Ein Parteikollege kommentiert trocken, dass selbst Politiker aus Baden-Württemberg sich über Berlin lustig machen. Baden-Württemberg! Ein Land, in dem man im Winter morgens Schnee schaufelt, mittags Auto fährt und abends trotzdem pünktlich zu Hause ist. Für Berliner Verhältnisse pure Science-Fiction.

Denn während man in Berlin noch über Salz diskutiert, stehen Straßenbahnen still. Busse fahren nur so halb. Haltestellen existieren theoretisch. Praktisch sind sie eisige Orte der Hoffnungslosigkeit. Die BVG schreibt auf ihrer Website sinngemäß: „Versucht es zu Fuß.“

Zu Fuß! In einer Stadt, in der Gehwege sich anfühlen wie frisch polierte Marmorböden in einer Oper. Menschen rutschen, halten sich an Laternen fest, gehen in Zeitlupe, als wären sie Teil eines experimentellen Tanztheaters namens „Urbanes Überleben“.

Und hier kommt der Clou: Gerade weil der öffentliche Nahverkehr eingeschränkt ist, müssen die Menschen laufen. Durch die Glätte. Ohne Salz. Mit Splitt. Mit Sand. Mit Hoffnung. Viel Hoffnung.

Ich stelle mir vor, wie jemand morgens aus dem Haus tritt, ausrutscht, wieder aufsteht, weitergeht, ausrutscht, denkt: „Na gut, wenigstens ist das umweltfreundlich.“

Denn ja, das Salz ist verboten. Umweltgründe. Völlig richtig. Niemand will sterbende Bäume. Niemand will kaputte Hundepfoten. Niemand will Rost. Aber niemand will auch im Krankenhaus landen, weil der Weg zum Bäcker zur Extremsportart geworden ist.

Berlin steckt also im klassischen Hauptstadt-Dilemma:
Zu viel Moral für zu wenig Grip.

Und was macht man in Berlin, wenn man nicht weiterweiß? Man diskutiert. Man fordert. Man twittert. Man gründet Arbeitsgruppen. Vielleicht sogar eine Kommission für kontrolliertes Rutschen.

Ich sehe schon die Schlagzeilen:
„Pilotprojekt: Salzfreie Glätte mit Awareness-Konzept.“
Oder: „Freiwillige Gehweg-Paten verteilen Sand – ab 11 Uhr, wenn es nicht mehr friert.“

Ronald Tramp sagt: Das alles ist großartig. Wirklich. Denn nirgendwo sonst auf der Welt wird ein ganz normaler Winter so philosophisch behandelt. Nirgendwo sonst wird Eis zur politischen Grundsatzfrage. Nirgendwo sonst braucht man einen Gesetzesentwurf, um nicht auf die Nase zu fallen.

Andere Städte streuen Salz. Berlin streut Argumente.

Und während man darüber streitet, ob man darf, kann oder sollte, rutschen die Menschen weiter. Tag fünf der Glätte. Tag fünf ohne Lösung. Aber mit Haltung.

Ich schlage vor: Berlin erklärt den Winter offiziell zur Überraschung. Dann kann man jedes Jahr wieder sagen: „Damit konnten wir nicht rechnen.“ Und gleichzeitig eine Ausnahmegenehmigung beschließen. Für alles. Für Salz. Für Realität. Für Vernunft.

Denn eines ist klar: Der Winter geht.
Der Spott bleibt.

Und der Gehweg?
Der bleibt glatt.