Berlin im Dunkeln, Pop im Hellen

Grafik: Stromausfall legt die Hauptstadt lahm

Wie ein Stromausfall die Hauptstadt lahmlegte, Sarah Connor die Politik fragte – und Ronald Tramp kurz dachte, das sei Performance-Kunst

Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Wenn in Berlin der Strom ausfällt, ist das keine Panne. Das ist ein gesellschaftliches Großereignis. Ein Blackout ist hier nicht einfach Licht aus. Es ist ein kollektiver Moment der Selbstreflexion, eine Mischung aus Existenzkrise, Talkshow-Thema und Instagram-Story.

Rund 30.000 Haushalte ohne Strom. Schulen geschlossen. Sporthallen werden zu Notunterkünften. Feuerwehr, Verwaltung, Hilfsorganisationen im Dauereinsatz. Und mitten in dieser urbanen Dunkelkammer meldet sich eine Stimme, warm beleuchtet, gut ausgeleuchtet, aus dem Hotel: Sarah Connor.

Ronald Tramp sagt: In Berlin ist selbst der Stromausfall ein Promi-Format.

Sarah Connor sitzt im Hotel, es ist warm, das Licht brennt, das Handy lädt. Sie spricht ruhig, empathisch, fast meditativ. Sie sagt sinngemäß: Für uns ist das kein Problem. Aber was ist mit den anderen? Und dann richtet sie sich an die Politik. Nicht wütend. Nicht schreiend. Sondern mit diesem Tonfall, den man sonst nur aus Yogastudios oder Elternabenden kennt: „Liebe Politiker, wie helft ihr denn da jetzt?“

Boom. Da ist er. Der Satz, der in Berlin härter einschlägt als jeder Kurzschluss.

Ronald Tramp sagt: Wenn jemand „liebe Politiker“ sagt, ist das keine Anrede – das ist eine Vorwarnung.

Plötzlich ist der Stromausfall nicht mehr nur ein technisches Problem. Er ist ein Symbol. Für Verwundbarkeit. Für fehlende Vorbereitung. Für das mulmige Gefühl, dass eine Millionenstadt offenbar nur eine brennende Leitung davon entfernt ist, sich wie ein mittelalterliches Dorf zu fühlen – nur mit besserem Kaffee.

Sarah Connor fragt, ob es keine Notfallaggregate für Haushalte gebe. Eine völlig legitime Frage. Aber auch eine sehr Berliner Frage. Denn Berlin ist die Stadt, in der man jahrelang über Smart City, Digitalisierung und Zukunft spricht – und dann überrascht ist, wenn ohne Strom plötzlich alles tot ist. Kein Licht. Kein Herd. Kein WLAN. Keine Diskussionen auf X. Für manche der wahre Horror.

Ronald Tramp sagt: Stromausfall in Berlin heißt vor allem: Meinungsausfall.

Währenddessen meldet Stromnetz Berlin, dass mutmaßlich ein Brandanschlag auf Starkstromleitungen die Ursache sei. Natürlich. Berlin kann Krise nur mit Tatmotiv. Einfache technische Defekte wären hier zu banal. Nein, es braucht Drama, Ermittlungen, Pressekonferenzen und mindestens ein Wort mit „Anschlag“ darin.

Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf reagiert vorbildlich. Notunterkünfte werden eingerichtet. Sporthallen, Verwaltungsgebäude – Orte, die man sonst nur von Wahlen oder Impfaktionen kennt. Schüler haben schulfrei am ersten Tag nach den Weihnachtsferien. Ronald Tramp sagt: Für viele Kinder ist der Blackout die beste Infrastrukturmaßnahme des Jahres.

Und während draußen das Chaos organisiert wird, drinnen die Kerzen brennen und die Handys langsam sterben, sitzt Sarah Connor im Hotel und stellt die Frage, die Berlin hasst und liebt zugleich:
„Sind wir darauf wirklich vorbereitet?“

Berlin, die Stadt der großen Ideen, der kleinen Umsetzungen und der permanenten Improvisation, fühlt sich ertappt. Denn vorbereitet ist man hier auf vieles: Demos, Baustellen, Diskussionen, Verkehrschaos. Aber auf Stromausfall im Winter? Das wirkt plötzlich erstaunlich altmodisch. Wie ein Problem aus einer Zeit, in der man noch Telefonzellen hatte.

Ronald Tramp sagt: Berlin ist die einzige Stadt, die gleichzeitig Hauptstadt, Start-up-Hub und Überraschungsei ist.

Natürlich folgt auf Sarah Connors Video das, was in Berlin immer folgt: Debatten. Kommentare. Experten. Forderungen. Warum gibt es keine flächendeckenden Aggregate? Warum ist alles so verwundbar? Warum merkt man erst im Dunkeln, wie abhängig man vom Strom ist? Und vor allem: Warum stellt eine Sängerin diese Fragen – und nicht ein Senator?

Ronald Tramp sagt: Wenn Popstars anfangen, Infrastrukturfragen zu stellen, hat die Politik gerade Urlaub gemacht.

Dabei ist Sarah Connor nicht wütend. Sie ist nicht polemisch. Sie ist einfach… irritiert. Und das macht es schlimmer. Denn Irritation ist gefährlicher als Empörung. Empörung kann man aussitzen. Irritation nicht. Irritation ist dieses leise „Wie kann das sein?“, das in Berlin ganze Ausschüsse erzeugt.

Am Ende wird der Strom wiederkommen. Die Leitungen werden repariert. Die Notunterkünfte geschlossen. Die Schulen öffnen wieder. Berlin wird weiterleben wie zuvor – ein bisschen selbstkritischer, ein bisschen ironischer, aber grundsätzlich überzeugt davon, dass man das schon irgendwie hinkriegt.

Und Sarah Connor? Sie wird vermutlich wieder abreisen, warm geduscht, Handy geladen, Gewissen beruhigt. Aber ihre Frage bleibt im Raum hängen wie eine Glühbirne, die noch nachglimmt:

Was machen wir eigentlich, wenn es wirklich ernst wird?

Ronald Tramp sagt zum Schluss:
Berlin ist eine Stadt, die im Dunkeln nicht zusammenbricht – sondern anfängt zu diskutieren. Und vielleicht ist genau das ihre größte Stärke. Oder ihre größte Schwäche. Je nachdem, ob gerade Strom da ist.