Beton, Bügel, Bauchgefühl

Wie man Probleme fest verankert, statt sie zu lösen
Von Ronald Tramp, Sonderbeauftragter für urbane Improvisation, teure Experimente und das große Rad der Verkehrswende
Es gibt Städte, die reparieren Straßen. Und es gibt Städte, die sagen: Straßen sind überbewertet. In einer besonders kreativen Landeshauptstadt hat man sich nun für Letzteres entschieden – und damit ein neues Kapitel deutscher Baukunst aufgeschlagen. Statt eine marode Straße zu sanieren, hat man beschlossen, 17 Fahrradbügel fest einzubetonieren. In das kaputte Kopfsteinpflaster. Für viel Geld. Sehr viel Geld. Und jetzt kommt das Beste: Sie sollen wieder weg.
Man muss sich das bildlich vorstellen. Eine Straße, die aussieht, als hätte sie schon mehrere Jahrzehnte inneren Kündigungsprozess hinter sich. Schlaglöcher, Risse, ein Belag, der mehr Erinnerung als Substanz ist. Und mitten hinein: frisch betonierte Metallbügel. Glänzend. Stabil. Unerschütterlich. Wie ein Denkmal – nur ohne Sinn.
Kostenpunkt: mehrere zehntausend Euro. Für Bügel. Nicht für die Straße. Die Straße bleibt kaputt. Aber immerhin kann man jetzt sein Fahrrad dort nicht abstellen, weil es niemand tut.
Damit niemand aus Versehen gegen diese Bügel fährt – denn sie stehen überraschend im Verkehrsraum – hat man sie zusätzlich mit Warnbaken versehen. Das Ergebnis: Radfahrer und Autofahrer weichen auf Straßenbahnschienen aus. Ein echtes Erlebnis. Urbaner Nervenkitzel. Verkehrspolitik als Escape Room.
Und das ist kein Einzelfall. Nein. Das ist Teil einer Serie. Einer sehr teuren Serie. Zuvor gab es bereits Projekte, bei denen Fahrräder gezählt wurden, ohne dass jemand wusste, warum. Es gab Radspuren, die auftauchten und verschwanden, schneller als das Vertrauen der Bürger. Und es gab Brücken, die Verkehrsexperimente nicht überlebt haben. Aber dazu später.
Zurück zu den Bügeln. Die wurden offenbar auf Basis einer Bedarfsermittlung installiert. Eine geheimnisvolle Ermittlung. Vielleicht mit Pendel. Vielleicht mit Würfeln. Vielleicht mit einem sehr optimistischen Gefühl im Bauch. Denn der Bedarf ist – wie sich nun herausstellt – nicht vorhanden. Keine Fahrräder. Keine Nutzer. Nur Menschen, die stehen bleiben, Fotos machen und den Kopf schütteln. Eine neue Touristenattraktion: Das Denkmal des guten Willens ohne Nachfrage.
Gewerbetreibende sind begeistert. Parkplätze weg, Kunden ratlos, Umsatz irritiert. Aber hey – irgendjemand hat jetzt 17 sichere Abstellmöglichkeiten für Fahrräder, die nicht kommen. Man muss Visionen haben. Und Beton.
Selbst Fahrradverbände – normalerweise eher auf der Seite von allem, was zwei Räder hat – meldeten sich kritisch zu Wort. Nicht wegen der Idee an sich. Sondern wegen der Umsetzung. Niemand wurde gefragt. Keine Anwohner. Keine Geschäftsleute. Keine Gremien. Keine Experten. Das Projekt fiel praktisch vom Himmel. Oder aus dem Bauamt.
Und jetzt? Jetzt sollen die Bügel wieder entfernt werden. Also nochmal Geld. Nochmal Baustelle. Nochmal Lärm. Nochmal Verwaltung. Der Kreis schließt sich. Nachhaltigkeit durch Wiederabbau.
Wer glaubt, das sei schon das Ende der Geschichte, kennt diese Stadt schlecht. Denn es gab da noch Brücken. Große Brücken. Wichtige Brücken. Auf einer wurde eine Autospur in eine Radspur umgewandelt. Testphase: mehrere Monate geplant. Realität: acht Tage. Danach Verkehrschaos. Abbruch. Kosten: sechsstelliger Betrag. Ergebnis: ein Eintrag in einem berühmten Buch, das niemand lesen will, aber alle füllt.
Eine andere Brücke folgte. Wieder Radversuch. Wieder massive Kritik. Wieder Testphase geplant. Ergebnis: neun Tage später war nicht nur der Versuch vorbei, sondern die Brücke selbst. Einsturz. Ende. Kosten: nochmal ein hoher Betrag. Man könnte sagen: Die Infrastruktur hat abgestimmt.
Ich, Ronald Tramp, sage: Das ist kein Bügel-Irrsinn. Das ist ein Gesamtkunstwerk. Eine Symphonie aus Beton, Ideologie und Bauchgefühl. Probleme werden nicht gelöst – sie werden einbetoniert. Und wenn sie stören, nimmt man sie halt wieder raus. Mit Ansage. Und Rechnung.
Vielleicht ist das die Zukunft der Stadtentwicklung: Man macht etwas. Egal was. Hauptsache, es kostet. Und wenn es nicht funktioniert, nennt man es Versuch. Oder Experiment. Oder Lernprozess. Alles klingt besser als Fehlplanung.
Am Ende bleibt eine Straße, die immer noch kaputt ist. Bügel, die kommen und gehen. Und Bürger, die sich fragen, ob irgendwo jemand den Überblick hat – oder zumindest einen Plan.
Aber eines muss man lassen: Diese Stadt bewegt etwas. Man weiß nur nicht genau, wohin.


