Betriebsrat im Überwachungsmodus

Grafik: Wenn der Akku leer ist, aber das Misstrauen voll

Wenn der Akku leer ist, aber das Misstrauen voll

Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für industrielle Erleuchtung, gewerkschaftliche Tarnkappen und Meetings mit Abhörpotenzial

Es gibt Unternehmen, die bauen Autos. Und es gibt Unternehmen, die bauen Geschichten. Riesige Geschichten. Elektrische Geschichten. Geschichten, die schneller beschleunigen als jedes Fahrzeug auf dem Parkplatz. Und dann gibt es Betriebsratssitzungen. Früher waren das Orte mit Filterkaffee, Tagesordnungspunkt 3 und dem Gefühl, dass hier niemand etwas heimlich aufzeichnet. Früher.

Jetzt ist alles anders. Jetzt ist die Zukunft da. Sie ist elektrisch, effizient – und offenbar auf Aufnahmebereit.

In einem besonders spannungsgeladenen Werk kam es jüngst zu einer Szene, die man eher aus Agentenfilmen kennt als aus der Welt der Mitbestimmung. Ein externer Vertreter, eingeladen oder zumindest geduldet, soll eine Sitzung aufgezeichnet haben. Heimlich. Angeblich. Ohne Ankündigung. Ohne rotes Lämpchen. Ohne das beruhigende „Ich nehme nur für mein Gedächtnis auf“.

Die Reaktion folgte prompt. Ausschluss. Polizei. Computer weg. Aussagen. Anzeige. Das volle Programm. Man hätte auch sagen können: Bitte löschen Sie die Datei. Aber nein – wenn schon, dann richtig. Mit allem. Mit Sirene im Hintergrund und dem Gefühl, dass hier gerade nicht nur ein Gespräch, sondern eine Grundsatzfrage verhandelt wird.

Denn worum geht es wirklich? Um Datenschutz? Um Vertrauen? Um die Frage, wer in einem Raum eigentlich zuhört – und für wen? Oder geht es um Macht? Um Kontrolle? Um die uralte Debatte, ob ein Betriebsrat den Beschäftigten gehört oder der Steckdose des Managements?

Die Gewerkschaft jedenfalls wittert Morgenluft. Wahlkampf. Liste. Anspruch auf Mehrheit. Die große Vision: Ein Gremium, das sich für die Belegschaft einsetzt. Ein Satz, der in jedem Arbeitskampf gut klingt und immer mindestens zwei Bedeutungen hat. Die eine: Wir sind für euch da. Die andere: Jetzt wird’s unbequem.

Das Unternehmen wiederum spricht die Sprache der Ordnung. Regeln. Verfahren. Hausrecht. Keine heimlichen Mitschnitte. Nicht bei uns. Nicht in dieser Sitzung. Nicht ohne Genehmigung. Und schon gar nicht mit externem Akku.

Ich, Ronald Tramp, sage: Willkommen im Zeitalter der elektrischen Empfindlichkeiten. Alles ist vernetzt. Alles ist sensibel. Alles kann aufgezeichnet werden – und genau deshalb darf nichts aufgezeichnet werden. Transparenz ist gut, solange sie nicht transparent ist.

Man stelle sich das Bild vor: Ein Konferenzraum. Menschen sitzen um einen Tisch. Man diskutiert. Man nickt. Man widerspricht. Und irgendwo in der Tasche: ein Gerät. Still. Bereit. Ein kleiner Knopf. Eine große Wirkung. Plötzlich ist nichts mehr privat. Alles könnte später abgespielt werden. In Zeitlupe. Mit Untertiteln. Vielleicht sogar mit Diagrammen.

Kein Wunder, dass Nervosität aufkommt. In einer Firma, die Daten liebt, aber Gespräche lieber kontrolliert, ist ein ungefragter Mitschnitt wie ein Software-Update ohne Zustimmung. Das geht nicht. Das will niemand. Das macht Angst.

Gleichzeitig fragt man sich: Warum eigentlich? Wenn alles korrekt läuft, wenn nichts gesagt wird, was man nicht auch öffentlich sagen würde – wovor hat man dann Angst? Vor Kontext? Vor Tonfall? Vor der berühmten Betonung, die im Protokoll fehlt, aber in der Aufnahme bleibt?

Der Wahlkampf für den Betriebsrat bekommt durch diese Episode jedenfalls ordentlich Spannung. Nichts mobilisiert besser als ein Skandal. Nichts schweißt zusammen wie das Gefühl, dass „die da oben“ nervös werden. Und nichts sorgt für Aufmerksamkeit wie eine beschlagnahmte Festplatte.

Die Beschäftigten stehen derweil zwischen den Fronten. Sie wollen arbeiten. Sie wollen Sicherheit. Sie wollen gehört werden. Und sie wollen nicht das Gefühl haben, dass jede Sitzung entweder überwacht oder verwanzt ist. Sie wollen einen Betriebsrat, der kämpft – aber nicht heimlich auf „Record“ drückt.

Vielleicht ist das der eigentliche Kern der Geschichte: Vertrauen lässt sich nicht aufnehmen. Man kann es nicht speichern. Man kann es nicht exportieren. Und man kann es auch nicht wiederherstellen, wenn es gelöscht wurde.

Die kommenden Tage werden zeigen, wohin das Pendel schlägt. Mehrheit oder Managementnähe. Mitbestimmung oder Misstrauensverwaltung. Und die Frage, die über allem schwebt wie ein WLAN-Signal: Wer hört hier eigentlich wirklich zu?

Bis dahin gilt: In dieser Fabrik fährt nicht nur die Produktion auf Hochtouren. Auch das Drama ist voll aufgeladen. Und der Akku der Gelassenheit? Der blinkt bereits rot.