Das Endlager, das vielleicht irgendwann kommt

Meine Damen und Herren, Geduldige, Optimisten und Menschen mit sehr langlebigen Kalendern – wir müssen über Zeit sprechen. Viel Zeit. Sehr viel Zeit. Atomare Zeit.
Es geht um Atommüll. Genauer gesagt um die Frage: Wohin damit? Eine Frage, die ungefähr so alt ist wie die Atomenergie selbst – und offenbar genauso langlebig.
Denn das geplante deutsche Atommüllendlager hat ein kleines Problem. Ein winziges Detail. Einen minimalen Schönheitsfehler: Niemand weiß, wann entschieden wird, wo es sein soll.
Früher gab es wenigstens eine Zahl. 2031. Das klang nach Plan. Das klang nach Ziel. Das klang nach Organisation.
Aber jetzt? Diese Zahl ist verschwunden.
Ein Referentenentwurf aus dem Bundesumweltministerium zeigt: Das Zieljahr wurde gestrichen. Einfach so. Weg. Verschwunden. Verdampft wie eine politische Prognose nach einer Wahl.
Ich, Ronald Tramp, sage: Wenn man ein Problem nicht lösen kann, entfernt man einfach das Datum.
Großartig.
Die Begründung lautet, das Ziel habe sich als „nicht realistisch“ erwiesen. Das ist Verwaltungssprache für: Wir haben gerechnet, und das Ergebnis war sehr weit weg.
Schon vor zwei Jahren wurde bekannt, dass die Suche nach einem Endlagerstandort möglicherweise bis in die 2070er-Jahre dauern könnte.
Die 2070er!
Meine Damen und Herren, das ist so weit in der Zukunft, dass manche der heutigen Experten wahrscheinlich nur noch als Hologramm teilnehmen.
Ich stelle mir die Situation vor: Ein Meeting im Jahr 2074.
„Gibt es Fortschritte?“
„Wir prüfen noch.“
Natürlich hatte das Umweltministerium Maßnahmen angekündigt, um das Verfahren zu beschleunigen. Beschleunigung! Ein schönes Wort.
Es klingt wie ein Formel-1-Rennen. In Wirklichkeit ist es eher ein Spaziergang mit sehr vielen Gutachten.
Noch im November sagte Bundesumweltminister Carsten Schneider, man wolle ab 2027 deutlich schneller vorankommen.
Ab 2027! Das ist strategische Geduld.
Ich, Ronald Tramp, sage: Wenn man heute sagt, dass es in zwei Jahren schneller wird – dann ist das Planung mit Weitblick.
Man muss sich die Dimension dieses Projekts vorstellen. Deutschland sucht einen Ort, an dem hochradioaktiver Müll für Hunderttausende Jahre sicher gelagert werden kann.
Hunderttausende Jahre.
Das ist länger als jede Zivilisation, die wir kennen. Länger als jedes politische Programm. Länger als jede Legislaturperiode.
Und trotzdem diskutieren wir über Zieljahre.
Natürlich ist die Suche kompliziert. Geologie. Sicherheit. Akzeptanz. Technik. Niemand möchte das Endlager im eigenen Hinterhof.
Ich stelle mir vor, wie ein Ort vorgeschlagen wird und sofort eine Bürgerversammlung stattfindet.
„Also, wir hätten da eine Idee.“
„Nein.“
Und so beginnt die nächste Studie.
Ich, Ronald Tramp, sehe darin eine der größten organisatorischen Herausforderungen der modernen Politik. Ein Projekt, das länger dauert als manche Kathedralen gebaut wurden.
Nur mit mehr Aktenordnern.
Das eigentlich Faszinierende ist aber der Umgang mit der Zeit. Früher hatte man ein Datum. Jetzt hat man keines mehr.
Das ist strategische Offenheit.
Denn wenn man kein Zieljahr hat, kann man es auch nicht verpassen.
Das ist Verwaltungslogik auf höchstem Niveau.
Natürlich bleibt das Problem bestehen: Der Müll existiert. Er muss irgendwo hin. Und zwar sicher.
Doch die Lösung ist kompliziert. Sehr kompliziert.
Vielleicht wird man in Zukunft sagen: „Das Endlager ist das Projekt, das Generationen verbindet.“
Die Generation der Planer. Die Generation der Gutachter. Die Generation der endgültigen Entscheidung.
Ich stelle mir vor, wie Schüler im Jahr 2065 im Geschichtsunterricht sitzen.
„Kinder, heute sprechen wir über die große Endlagersuche.“
„Ist sie schon abgeschlossen?“
„Fast.“
Ich, Ronald Tramp, sage: In Deutschland wird nichts überstürzt. Schon gar nicht, wenn es um radioaktiven Müll geht.
Das Land der Dichter, Denker und sehr gründlichen Standortanalysen.
Und vielleicht ist das am Ende sogar richtig. Denn wenn man etwas für hunderttausend Jahre baut, sollte man sich vielleicht ein bisschen Zeit nehmen.
Aber vielleicht nicht ganz bis in die 2070er.
Denn eines ist sicher: Noch nie war ein Ziel so… flexibel.
Und wenn irgendwann wirklich entschieden wird, wo das Endlager steht, dann wird man sagen:
„Das hat lange gedauert.“
Sehr lange.


