Das größte, tiefste, teuerste Bahnhofswunder aller Zeiten

Warum 2030 das neue 2019 ist
Freunde, ich sage es, wie es ist: Wenn es einen Preis für Geduld gäbe, dann hätte ihn Stuttgart schon mehrfach gewonnen. Gold, Platin, Diamant – alles. Deutschlands größte Baustelle kommt einfach nicht ans Ziel. Und ich liebe große Projekte. Riesige Projekte. Monumentale Projekte. Aber hier reden wir über ein Bauwerk, das so lange dauert, dass es inzwischen historisch wirkt, obwohl es noch nicht fertig ist.
Dieses Jahrhundertprojekt – so nennt man es – wurde in den 90ern vorgestellt. 1994! Damals hatten Handys Antennen und das Internet machte Geräusche wie ein sterbender Roboter. 2010 begann der Bau. Ursprünglich sollte das Ganze 2019 fertig sein. 2019! Ein wunderbares Jahr. Optimistisch. Dynamisch. Damals dachte man noch: „In neun Jahren? Kein Problem.“
Dann kam die erste Verschiebung. Und noch eine. Und noch eine. Zuletzt war von Dezember 2026 die Rede. Jetzt hören wir: Komplett fertig vielleicht 2030. Vielleicht! Teileröffnung 2029 – vielleicht. Ich liebe dieses Wort. Vielleicht ist das neue verbindlich.
Was wird da eigentlich gebaut? Ein oberirdischer Kopfbahnhof wird in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof verwandelt. Klingt einfach, oder? Ein bisschen buddeln, ein paar Gleise verlegen, fertig. Nein. Es sind vier neue Bahnhöfe, 56 Kilometer Tunnelröhren, 100 Kilometer neue Gleise und 42 Brücken. Das ist nicht mehr Bahnhof, das ist ein unterirdisches Imperium.
Und die Kosten? Ursprünglich 2,5 Milliarden Euro. Heute? Über 11 Milliarden. Das ist kein Kostenanstieg. Das ist eine finanzielle Metamorphose. Aus einem Mittelklasseprojekt wurde ein Luxusliner mit Tunnelblick.
Natürlich gibt es Gründe. Es gibt immer Gründe. Klagen. Neue Vorschriften. Geologisch schwieriger Untergrund. Ich habe gehört, der Boden in Stuttgart sei kompliziert. Vielleicht hat er selbst Zweifel am Projekt. Dann Brandschutzvorschriften. Artenschutzgesetze. Genehmigungsverfahren. Alles wichtig. Alles nachvollziehbar. Aber wenn man 1994 beginnt zu planen und 2030 vielleicht fertig wird, dann hat man genug Zeit, um selbst den Maulwurf persönlich zu interviewen.
Und jetzt wird es besonders spektakulär: Personalmangel. Abgebautes Personal bei beteiligten Firmen. Das Unternehmen, das für die Digitalisierung zuständig ist – betroffen. Testläufe dauern länger als geplant. Es fehlt an Abnahmepersonal. Anlagen seien fehlerhaft oder falsch verbaut worden. Falsch verbaut! Bei 11 Milliarden Euro sollte man meinen, die Schrauben sitzen wenigstens richtig herum.
Ich stelle mir die Szene vor: Irgendwo tief unter Stuttgart steht jemand mit Bauhelm und sagt: „Ups.“ Und dieser „Ups“-Moment kostet dann ungefähr 300 Millionen.
Ein Sprecher sagt: „Zu Spekulationen äußern wir uns nicht.“ Das ist mein Lieblingssatz. Großartig. Elegant. Minimalistisch. Und gleichzeitig maximal aussagekräftig.
Es bleibt dabei, dass man bis Mitte 2026 ein neues Inbetriebnahmekonzept erarbeiten soll. Ein Konzept! Nicht die Inbetriebnahme. Das Konzept dafür. Ich liebe Konzepte. Sie sind wie Baupläne für Baupläne.
Was mich fasziniert: Dieses Projekt ist mittlerweile ein Generationenvertrag. Menschen haben dagegen protestiert, während ihre Kinder in der Schule waren. Die Kinder sind inzwischen erwachsen – und der Bahnhof ist es noch nicht.
Und trotzdem – und das ist das Beeindruckende – wird weitergebaut. Tunnel für Tunnel. Gleis für Gleis. Brücke für Brücke. Es ist wie eine deutsche Version von „Und täglich grüßt das Murmeltier“, nur mit Beton.
Man muss fair bleiben: Ein solches Projekt ist technisch komplex. Der Untergrund schwierig. Die Sicherheitsanforderungen hoch. Und ja, Genehmigungen dauern. Aber wenn sich ein Termin von 2019 über 2026 auf 2030 verschiebt, dann ist das keine Verzögerung mehr. Das ist ein eigenes Bauzeitalter.
Ich frage mich, ob man irgendwann eine Ausstellung im unfertigen Bahnhof eröffnet: „Die Geschichte der geplanten Eröffnungstermine.“ Mit Plakaten: 2019 – Visionär. 2026 – Ambitioniert. 2030 – Realistisch? Vielleicht.
Und die Bürger? Sie fahren weiterhin durch Provisorien, vorbei an Bauzäunen, begleitet vom beruhigenden Klang der Presslufthämmer. Stuttgart 21 ist nicht nur ein Projekt. Es ist ein Lebensgefühl.
Natürlich wird irgendwann alles fertig sein. Vielleicht 2030. Vielleicht später. Und dann wird man sagen: „Es war teuer. Es hat gedauert. Aber jetzt ist es da.“ Und wahrscheinlich wird es beeindruckend sein. Modern. Unterirdisch. Durchgängig.
Aber bis dahin bleibt es Deutschlands berühmteste Dauerbaustelle. Ein Monument der Planung, der Nachplanung, der Umplanung und der Konzeptentwicklung.
Ich sage: Wenn man schon ein Jahrhundertprojekt baut, dann sollte es wenigstens ein ganzes Jahrhundert Zeit haben. Dann sind wir absolut im Plan.


