Das große Formular-Empire

Grafik: Deutschland baut keine Häuser mehr – Deutschland baut Aktenordner

Wie Deutschlands Handwerker gegen den Papierdrachen kämpfen – und warum die Leiter jetzt einen Leiter braucht

Von Ronald Tramp, Oberentfesselungsbeauftragter für gesunden Menschenverstand

Ich sage es, wie es ist: Deutschland baut keine Häuser mehr – Deutschland baut Aktenordner. Und zwar stabile. Sehr stabile. Mit Register. Mit Durchschlag. Mit Unterschrift in dreifacher Ausfertigung. Während draußen die Wirtschaft ächzt, ächzt drinnen der Drucker. Und niemand leidet mehr als das Handwerk. Die Menschen, die eigentlich mit den Händen arbeiten sollten, arbeiten inzwischen mit Formularen. Viel Papier. Sehr viel Papier. Bestes Papier. Aber leider nutzlos.

Jetzt ist einer angetreten, der sagt: Schluss damit! Der neue Anti-Bürokratieminister Karsten Wildberger (CDU) will dem Regel-Wahnsinn den Kampf ansagen. Ein großer Anspruch. Ein mutiger Anspruch. Fast so mutig wie ein Handwerker, der ohne Formular eine Leiter besteigt. Aber die Betriebe sagen: Das dauert alles viel zu lange. Und sie haben recht. Bürokratie ist geduldig. Sehr geduldig. Sie wartet, bis du alt bist – und dann verlangt sie noch eine letzte Unterschrift.

Handwerk-Chef Jörg Dittrich bringt es auf den Punkt: „Die Betriebe brauchen sofort spürbare Entlastungen.“ Nicht nächste Legislatur. Nicht nach dem dritten Arbeitskreis. Jetzt. Denn entscheidend ist nicht, was versprochen wird, sondern was im Alltag ankommt. Und im Alltag kommt vor allem eines an: Post vom Amt.

Dittrich entlarvt den Regel-Irrsinn mit einem Bild, das schöner nicht sein könnte: Betriebe müssen oft schriftlich erklären, dass sie keine Fehler gemacht haben. Stellen Sie sich das vor. Das ist, als müssten Sie beim Aussteigen aus dem Auto unterschreiben, dass Sie nicht zu schnell gefahren sind. Und wenn Sie nicht unterschreiben, haben Sie vermutlich zu schnell gefahren. Großartig. Das ist Logik auf Amtsdeutsch-Niveau.

Nehmen wir die Leiter. Eine einfache Leiter. Früher: hinstellen, hochsteigen, arbeiten. Heute: Leiterbeauftragter. Protokoll. Unterschrift. Stempel. Bestätigung, dass die Leiter auch morgen noch eine Leiter ist. Und wehe, jemand steigt hoch, ohne dass vorher dokumentiert wurde, dass die Leiter weiß, dass sie sicher ist.

Oder gefährliche Abfälle. Natürlich müssen sie ordentlich entsorgt werden. Niemand will Gift im Garten. Aber statt Entsorgen zu entsorgen, wird erst einmal nachgewiesen, dass nachgewiesen wurde, dass entsorgt wurde. Und dann bitte noch ein Formular, das bestätigt, dass das Formular korrekt ausgefüllt wurde.

Und dann die Kühltemperatur. Sie muss eingehalten werden. Völlig richtig. Aber statt auf das Thermometer zu schauen, schaut man auf die Dokumentation. Ist es wichtiger, dass es kalt ist – oder dass es aufgeschrieben wurde, dass es kalt ist? In Deutschland wissen wir die Antwort.

Dittrich hat konkrete Vorschläge. Und ich liebe konkrete Vorschläge. Vor allem, wenn sie einfach sind:

Bonpflicht abschaffen. Millionen Bons landen im Müll. Kein Mensch will sie. Niemand liest sie. Aber sie werden gedruckt. Pflichtbewusst. Gesetzestreu. Umweltfreundlich absurd. Die Abschaffung steht im Koalitionsvertrag – aber wie Dittrich sagt: Für Betriebe zählt das erst, wenn sie wirklich weg ist. Papier ist geduldig. Koalitionsverträge auch.

Dann „Stop the Clock“. Ein fantastischer Gedanke. Neue Pflichten einfach mal pausieren. Durchatmen. Nachdenken. Gesetze überarbeiten. In Deutschland revolutionär. Wir nennen das sonst nur „Mittagspause“. Warum nicht auch fürs Regelwerk?

Sonntagsbackverbot streichen. Ein Klassiker. Bäcker dürfen sonntags nur drei Stunden backen. Tankstellen backen den ganzen Tag. Backstationen sowieso. Der Bäcker, der wirklich backen kann, darf es nicht. Das ist keine Regulierung. Das ist Kabarett.

Weniger Hinweise. Handwerker müssen bei bestimmten Verträgen erklären, dass es kein Widerrufsrecht gibt. Mit Formular. Mit Erklärung. Mit Erklärung zur Erklärung. Dabei ist der Widerruf die Ausnahme. Aber dokumentiert wird er, als käme er täglich vor – wie ein seltenes Tier, das man vorsorglich füttert.

Weniger Verwaltung. Das Anpassen einer Kniebandage dauert 22 Minuten. Der Papierkram: 31 Minuten. Mehr Papier als Patient. Das ist kein Gesundheitssystem. Das ist Origami mit Krankenkasse.

Und dann mein Lieblingsbeispiel: Die Sinnlos-Regel. Hygienevorschriften verlangen glatte Böden in Fleischereien – wegen Keimen. Arbeitsschutz verlangt raue Böden – wegen Rutschgefahr. Beides gleichzeitig. Glatt und rau. Keimfrei und rutschfest. Physikalisch unmöglich. Bürokratisch perfekt.

Ich sage: Wenn der Staat wirklich Bürokratie abbauen will, muss er aufhören, Misstrauen zu organisieren. Handwerker sind keine potenziellen Verbrecher mit Werkzeug. Sie wollen arbeiten. Produzieren. Schaffen. Aber statt Hammer und Schraube halten sie immer öfter den Kugelschreiber.

Deutschland braucht weniger Formulare – und mehr Vertrauen.
Weniger Nachweise – und mehr Ergebnis.
Weniger Papier – und mehr Handwerk.

Sonst bauen wir bald keine Häuser mehr.
Sondern nur noch Aktenordner.
Sehr stabile.