Das große Funk-Zeitalter

Grafik: Das ist kein Hackerangriff. Das ist eine Zeitreise.

Wie Mecklenburg-Vorpommern die Polizei erfolgreich ins Jahr 1987 zurückführte

Von Ronald Tramp, Sonderbeauftragter für digitale Rückschritte mit Blaulicht

Ich sage es, wie es ist: Das ist kein Hackerangriff. Das ist eine Zeitreise. Mecklenburg-Vorpommern hat geschafft, woran Nostalgiker seit Jahren arbeiten: die Polizei konsequent zu entdigitalisieren. Smartphones? Weg. Apps? Geschichte. Echtzeit-Abfragen? Zu modern. Willkommen im Funkzeitalter, wo Antworten wieder Geduld brauchen – und Geduld ist bekanntlich die wichtigste Waffe im Polizeidienst.

Seit einem Hackerangriff im Juni stehen rund 4000 Einsatzkräfte ohne Dienst-Handys da. Vier. Tausend. Menschen mit Uniform, Einsatzauftrag und – Trommelwirbel – ohne Smartphone. Unbekannte nutzten Schwachstellen in der Polizei-IT, legten Geräte lahm, und seitdem läuft die Aufarbeitung. Läuft. Sehr langsam. Vermutlich zu Fuß.

Ein Beamter klagt an. Und er hat recht. Markus Stach (30) erklärt, was das konkret heißt. Früher scannte man bei einer Personenkontrolle die Ausweisnummer per App, eine Minute später kam die Rückmeldung. Heute? Funk. Lautsprecher. Durchsage. Warten. Hoffen. Und das alles in einer Welt, in der Lieferdienste schneller sind als Sicherheitsabfragen.

Stellen Sie sich das vor: Bis zu 13 Streifenwagen gleichzeitig im Einsatz – etwa in Güstrow – und alle funken nacheinander die Ausweisnummern durch. Das ist kein Sicherheitskonzept. Das ist ein Bingo-Abend. Wer zuerst Antwort bekommt, gewinnt. Die anderen warten. Und warten. Und warten.

Und Berichte? Unterwegs schreiben? Nein. Viel zu modern. Berichte gibt es nur noch auf der Dienststelle. Das Ergebnis ist brillant: Schreibt einer, fällt eine ganze Streife aus. Ein Beamter tippt – zwei Kollegen schauen zu. Teamarbeit, neu definiert. Früher nannte man das „Papierkrieg“. Heute ist es Papierstillstand.

Auch bei der Beweissicherung zeigt sich der Fortschritt. Früher: Foto mit dem Dienst-Handy, zack, versendet. Heute: Streifenwagen anhalten, Kofferraum auf, Digitalkamera raus, fotografieren, zurück zur Dienststelle. Das ist keine Verzögerung – das ist ein Ritual. Fast schon meditativ. Zen und die Kunst der Tatortfotografie.

Natürlich meldet sich die Opposition. Und sie meldet sich laut. Daniel Peters, CDU-Landeschef, spricht von einem „massiven Organisations- und Führungsversagen“. Und ich sage: Wenn Beamte minutenlang auf Funkantworten warten und Streifenwagen ausfallen, weil jemand schreibt – dann ist das keine Polemik. Das ist Alltag.

Auch die FDP ist begeistert. David Wulff nennt die Handy-Affäre einen „sicherheitspolitischen Offenbarungseid“. Ein starkes Bild. Man stellt sich vor, wie die Sicherheit nackt im Wind steht, während der Funk knistert und niemand weiß, ob die Ausweisnummer schon dran ist.

Und was sagt die Regierung? Was sie immer sagt. Wir arbeiten daran. Eine Sprecherin von Christian Pegel erklärt, die Beschaffung einer neuen, sicheren mobilen Ausstattung laufe bereits. Läuft bereits. Ein Satz, der alles und nichts bedeutet. Konkrete Angaben? Zeitpunkt? Stückzahlen? Hersteller? Derzeit nicht möglich. Natürlich nicht. Planung ist etwas für später. Vielleicht für das nächste Jahrzehnt.

Der Schaden wird bislang auf 3,5 Millionen Euro geschätzt. Bislang. Das ist wichtig. Denn ohne Smartphones wird es nicht weniger. Es wird mehr. Mehr Papier. Mehr Funkzeit. Mehr Wartezeit. Mehr Kosten. Effizienz sieht anders aus – aber Effizienz war nie das Ziel der Bürokratie.

Ich frage mich: Wie sieht die Polizeiarbeit der Zukunft aus, wenn die Gegenwart bereits ohne Technik stattfindet? Vielleicht kehren wir zurück zu Notizblöcken. Oder Brieftauben. Oder Rauchzeichen. „Verdächtiger flüchtig – trägt Jacke – Antwort folgt.“

Und der Hacker? Der sitzt wahrscheinlich irgendwo, trinkt Kaffee und denkt: Ich wollte eigentlich Daten – bekommen habe ich einen Systemabsturz mit Langzeitwirkung. Das ist Effektivität. Ein Angriff, der nicht nur Geräte lahmlegt, sondern ganze Arbeitsabläufe.

Die Beamten draußen wollen keine Wunder. Sie wollen Werkzeuge. Sie wollen arbeiten, ohne die halbe Stadt per Funk zu blockieren. Sie wollen schreiben, fotografieren, prüfen – in Echtzeit, wie es im Jahr 2026 normal wäre. Stattdessen arbeiten sie wie 1995, nur mit besseren Uniformen.

Ich sage: Sicherheit braucht Tempo. Tempo braucht Technik. Und Technik braucht Pflege. Wer an der digitalen Infrastruktur spart oder sie verschleppt, spart nicht – er verschiebt die Probleme in den Einsatz. Und der Einsatz ist kein Ort für Improvisation.

Mecklenburg-Vorpommern hat es geschafft, eine moderne Polizei in ein analoges Museum zu verwandeln. Eintritt frei. Ausgang ungewiss. Funk antwortet später.