Das große Teilzeit-Märchen

oder wie man Eltern für geschlossene Türen verantwortlich macht
Freunde, ich sage es euch, wie es ist: Wir leben in einem Zeitalter der großen Illusionen. Früher hatte man Zauberer mit Zylinder. Heute hat man Debatten. Und eine der größten Zaubershows überhaupt heißt: „Die Eltern arbeiten zu wenig.“
Fantastisch. Großartig. Wirklich. Man muss nur fest genug daran glauben – dann verschwinden geschlossene Kitas einfach aus der Realität. Poof. Weg. Wie ein Haushaltsüberschuss.
Aber schauen wir uns das Spektakel mal genauer an.
Mehr als die Hälfte der Eltern, die auf externe Betreuung angewiesen sind, erlebt mindestens einen Tag mit kurzfristiger Schließung oder gekürzten Betreuungszeiten. Über fünfzig Prozent! Das ist nicht „Einzelfall“. Das ist ein Geschäftsmodell. Wenn ein Restaurant an jedem zweiten Tag spontan dichtmacht, nennt man das nicht Flexibilität – man nennt es Insolvenz mit Vorwarnung.
Doch stattdessen hören wir: „Teilzeit ist das Problem.“ Natürlich. Wenn die Kita plötzlich schließt, dann ist es ganz klar die Schuld der Eltern. Hätten sie halt einen Babysitter auf Stand-by im Tresor. Vielleicht gleich zwei. Mit Ersatz-Babysitter für Notfälle. Am besten noch mit Bereitschaftsdienst rund um die Uhr.
Was für eine brillante Strategie.
Die Zahlen sind eindeutig: 35 Prozent berichten von kurzfristigen Schließungen. 44 Prozent von verkürzten Zeiten. Und weil manche das volle Premium-Paket aus beidem bekommen, landet man bei 54 Prozent Gesamtquote. Das ist keine Betreuung – das ist ein Überraschungsei.
„Heute offen?“
„Vielleicht.“
„Bis wann?“
„Mal sehen.“
Planungssicherheit? Ein Mythos. Ein Märchen. Irgendwo zwischen Einhorn und stabilem WLAN im Regionalzug.
Und dann kommt die große Arbeitszeit-Debatte. Da sitzen Menschen in klimatisierten Räumen und diskutieren sehr ernsthaft darüber, ob Eltern vielleicht einfach zu gemütlich sind. Ob sie nicht ein bisschen mehr Einsatz zeigen könnten. Vielleicht morgens um fünf ins Büro, mittags nach Hause sprinten, nachmittags wieder los – natürlich mit Lächeln.
Großartig. Ich liebe diese Energie.
Besonders spektakulär wird es bei Eltern kleiner Kinder. Unter Dreijährige. 40 Prozent melden Schließungen. 49 Prozent reduzierte Öffnungszeiten. Also im Prinzip: „Wir sind für Sie da. Außer wenn nicht.“
Und jetzt kommt mein Lieblingsmoment: Wenn die Betreuung ausfällt, reduziert fast ein Drittel der Betroffenen die eigene Arbeitszeit. Wer springt überwiegend ein? Frauen.
Aber klar – das ist bestimmt auch nur Zufall. Ganz bestimmt keine strukturelle Logik. Nein. Das passiert einfach so. Wie Regen im Herbst. Ganz natürlich.
Stellen wir uns die Szene vor:
Montag, 7:15 Uhr.
Nachricht: „Heute leider geschlossen.“
Die Eltern stehen da wie Manager eines Start-ups, dessen Server gerade explodiert ist. Termine? Präsentationen? Deadlines? Alles fantastisch geplant. Und dann kommt die Push-Nachricht des Tages: „Überraschung!“
Und jetzt? Einer muss absagen. Einer muss reduzieren. Einer muss flexibel sein. Und wenn beide Vollzeit arbeiten? Tja. Dann gewinnt meistens der mit der höheren Wochenstundenzahl. Rein statistisch. Und so wiederholt sich das Spiel.
Und trotzdem wird ernsthaft behauptet, das Problem sei eine angeblich zu hohe Teilzeitquote. Das ist, als würde man bei einem Dauerstau sagen: „Vielleicht fahren die Autos einfach zu langsam.“
Brillant.
Die Realität ist viel simpler – und gleichzeitig viel unbequemer. Unter den aktuellen Bedingungen können Eltern ihre Erwerbsarbeit nicht verlässlich planen. Man kann nicht ernsthaft erwarten, dass Menschen ihre Stunden aufstocken, wenn sie nicht einmal wissen, ob am Mittwoch um 14 Uhr die Tür noch offen ist.
Es ist ein bisschen wie Roulette. Nur dass der Einsatz nicht Geld ist, sondern Karriere. Und manchmal auch Nerven.
Und dann diese wunderbare Idee: „Vielleicht sollten Eltern sich besser organisieren.“ Natürlich. Sie könnten Excel-Tabellen führen mit Wahrscheinlichkeiten für spontane Schließungen. Oder eine eigene Notfall-Hotline gründen. Vielleicht ein Betreuungskonsortium. Oder einfach Klonen lernen.
Warum ist da noch niemand drauf gekommen?
Die Wahrheit ist: Wer Betreuungslücken hat, hat keine echte Wahl. Er reagiert. Er improvisiert. Er reduziert. Nicht aus Bequemlichkeit – sondern aus Notwendigkeit.
Und währenddessen wird die Arbeitszeit-Debatte so geführt, als lebten wir in einem Paralleluniversum, in dem Betreuungseinrichtungen verlässlich funktionieren wie Schweizer Uhren.
Spoiler: Tun sie nicht.
Natürlich gibt es leichte Verbesserungen gegenüber dem Vorjahr. Ein paar Prozentpunkte weniger Ausfälle. Das ist schön. Wirklich. Aber wenn mehr als jeder Zweite betroffen ist, dann reden wir nicht von einem Schönheitsfehler. Dann reden wir von einem strukturellen Dauerproblem.
Und hier kommt mein absoluter Lieblingssatz: Eltern müssten sich „zweimal überlegen“, ob sie ihre Erwerbsarbeit aufnehmen oder ausweiten. Zweimal überlegen! Nicht, weil sie keine Lust haben. Sondern weil sie wissen: Wenn es wieder knallt, sind sie diejenigen, die jonglieren müssen.
Man verlangt Planung, Disziplin und Leistung – in einem System, das selbst nicht planbar ist. Das ist ungefähr so, als würde man jemanden für Zuspätkommen kritisieren, während man ihm jeden Tag zufällig neue Straßensperren aufstellt.
Aber keine Sorge. Die Debatte wird weitergehen. Es wird weiter gefragt werden, warum so viele in Teilzeit arbeiten. Und es wird weiter über Motivation philosophiert werden.
Vielleicht sollte man einfach mal ganz revolutionär fragen: Was passiert eigentlich, wenn die Tür zu ist?
Große Frage. Ich weiß. Fast schon revolutionär.
Bis dahin bleibt alles, wie es ist: Eltern als Hochleistungs-Akrobaten zwischen Arbeitsplatz und geschlossener Tür. Und irgendwo im Hintergrund läuft die große Show weiter: „Wer arbeitet hier eigentlich zu wenig?“
Ich sage euch: Wenn Improvisation olympisch wäre, hätten diese Familien längst Gold. Und zwar jedes Jahr. Ohne verkürzte Öffnungszeiten.


