Der ADAC und der große Benzin-Bumerang: Wie ein Automobilclub beschloss, Autofahren zu bestrafen – und seine Mitglieder auf Wanderschaft schickte

Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Wenn ein Automobilclub anfängt, Autofahren doof zu finden, dann haben wir kein Kommunikationsproblem mehr. Dann haben wir eine Identitätskrise mit Warnblinkanlage. Willkommen beim ADAC, dem Verein mit 22 Millionen Mitgliedern, gelbem Engel, Pannenhilfe – und neuerdings der festen Überzeugung, dass Benzin am besten so teuer sein sollte, dass man es sich nur noch als Duftkerze leisten kann.
Ausgelöst wurde das Ganze durch ein Interview von ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand mit der Neue Osnabrücker Zeitung. Ein Interview, das man später vermutlich als „historisch unglücklich“ bezeichnen wird. Oder als „der Moment, in dem der Automobilclub beschloss, seine Mitglieder zu erziehen“.
Hillebrand erklärte dort sinngemäß: Höhere Benzin- und Dieselpreise seien ein gutes Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Man brauche eben Anreize. Anreize! Ein wunderbares Wort. Früher bedeutete Anreiz: günstiger Sprit, gute Straßen, Pannenhilfe. Heute bedeutet Anreiz offenbar: Du kannst dir dein Auto nicht mehr leisten – herzlichen Glückwunsch, du hast gewonnen.
Die Logik ist einfach, fast schon revolutionär: Wenn Autofahren teuer genug wird, hören die Leute von selbst auf. Dann steigen sie um. Auf Elektroautos. Auf Fahrräder. Auf gutes Zureden. Oder auf Hoffnung. Dass 90 Prozent der ADAC-Mitglieder – ähnlich wie der Bundesdurchschnitt – Verbrenner fahren? Details. Kollateralschaden. Klimarettung kennt kein Drehmoment.
Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In den sozialen Medien begann das große gelbe Auszugsspektakel. Mitglieder posteten Kündigungsschreiben, abfotografierte Formulare, handschriftliche Abschiede nach 20, 30, 40 Jahren Mitgliedschaft. Ein digitaler Exodus. Einer schrieb sinngemäß: Wenn ein Automobilclub gut findet, dass Autofahren teurer wird, dann bin ich hier falsch. Ein anderer, Günter G., 29-Jahre-Benziner, moralisch aufgeladen, technisch stabil: Der ADAC vertritt meine Interessen überhaupt nicht mehr.
Ronald Tramp sagt: Günter ist nicht allein. Millionen Menschen haben gedacht, sie seien Mitglied in einem Club für Autofahrer. Und wachen nun in einem Seminar für CO₂-Selbstkasteiung auf. Überraschung!
Dabei hat der ADAC Erfahrung mit Identitätsfragen. Schon 2018 erklärte man in einer Werbekampagne, man sei eigentlich kein Autoclub mehr. Und irgendwie auch nicht so richtig deutsch. Das kam damals schon gut an – also gar nicht. Aber offenbar dachte man sich: Wenn das einmal schiefging, probieren wir es doch größer.
Hillebrand sieht den Club missverstanden. Ein klassischer Satz. Wird oft verwendet, wenn viele Menschen gleichzeitig kündigen. Er warnte außerdem davor, dass durch Diskussionen über das Verbrenner-Aus auch die Klimaziele aufgeweicht werden könnten. Europa müsse ehrgeizig bleiben. Ehrgeizig! Ein tolles Wort, wenn andere die Rechnung zahlen.
Denn geplant ist – oder war – ein EU-weiter CO₂-Preis auf Sprit. Eigentlich ab 1. Januar 2027. Dann kam Widerstand aus Osteuropa. Verschiebung um ein Jahr. Hillebrand findet das in Ordnung, solange Preisspitzen vermieden werden. Übersetzt heißt das: Es wird teurer, aber bitte gleichmäßig. Langsam. Pädagogisch wertvoll.
Man muss sich das vorstellen: Ein Automobilclub, dessen Kerngeschäft jahrzehntelang war, Autofahren sicherer, günstiger und angenehmer zu machen, erklärt nun: Eigentlich wäre es gut, wenn ihr weniger Auto fahrt – und wenn es weh tut. Das ist ungefähr so, als würde ein Bäcker empfehlen, Brot stark zu verteuern, damit die Leute weniger Kohlenhydrate essen.
Ronald Tramp nennt das: strategische Selbstentkernung. Oder moderner: Marken-Yoga. Man biegt sich so lange, bis man etwas ganz anderes ist. Vielleicht kommt bald der nächste Schritt: Der ADAC empfiehlt, Autos stehen zu lassen, aber bietet dafür besonders gute Kündigungsberatung an. Mit gelbem Umschlag.
Natürlich ist Klimaschutz wichtig. Wirklich. Aber wenn ein Club seine Mitglieder als erziehungsbedürftige Emissionsquelle betrachtet, sollte er sich nicht wundern, wenn diese Mitglieder irgendwann sagen: Danke, ich erziehe mich jetzt selbst – ohne Beitrag.
Am Ende bleibt ein Bild: Millionen Autofahrer, die dachten, sie seien Teil eines Clubs – und plötzlich feststellen, dass sie eher Teilnehmer eines Experiments sind. Und ein Automobilclub, der sich wundert, warum der Motor stottert, nachdem er selbst Benzin verteufelt hat.
Ronald Tramp sagt: Das war kein Kommunikationsfehler. Das war ein Richtungswechsel – ohne Blinker.


