Der Blech-Sheriff von Wuhu

Wie Robo-Cop in Rente ging – und als Verkehrspolizistin wiederkam
Von Ronald Tramp, weltweit führender Experte für Ordnung, Überwachung und Maschinen mit Autoritätsproblemen
Ich sage es, wie es ist: Das ist nicht die Zukunft – das ist die Gegenwart mit Akku. In der chinesischen Millionenstadt Wuhu regelt jetzt ein Roboter den Verkehr. Kein Mensch. Keine Trillerpfeife. Keine schlechte Laune wegen Nachtschicht. Sondern ein Robo-Cop. Fast jedenfalls. Nicht ganz so actiongeladen wie im Filmklassiker RoboCop, aber dafür deutlich besser geladen – elektrisch.
Die Roboter-Polizistin steht da. Metallisch. Freundlich. Unbestechlich. Und sie tut, was Maschinen besonders gut können: Sie urteilt. Sie kontrolliert den Verkehr, weist Menschen zurecht, hebt den Arm, zeigt mit dem Finger – und macht dabei keinen einzigen Fehler. Angeblich. Denn Maschinen machen keine Fehler. Sie machen nur Updates.
Natürlich heißt es offiziell: Alles ganz harmlos. Hightech für mehr Sicherheit. Effizienz. Ordnung. Flüssiger Verkehr. Keine Diskussionen. Keine Ausreden wie: „Ich war nur kurz auf dem Handy“. Die Maschine weiß es. Sie sieht alles. Sie vergisst nichts. Und sie vergibt nicht – zumindest nicht ohne Freigabe aus der Cloud.
Die Roboter-Polizistin ist vollgestopft mit Technologie. Kameras. Sensoren. Algorithmen. Wahrscheinlich kennt sie deinen Blutdruck, bevor du selbst weißt, dass du nervös bist. Sie erkennt Verkehrsverstöße in Sekundenbruchteilen. Und sie korrigiert Menschen mit einer Ruhe, die nur jemand haben kann, der keine Gefühle besitzt. Oder kein Gewissen. Oder beides.
Jetzt sagen Kritiker: Überwachungsstaat! Großer Schritt in die falsche Richtung! Und ich sage: Natürlich sagen sie das. Sie sagen das immer. Aber sie haben nicht ganz unrecht. Denn das hier ist nicht nur Verkehrskontrolle. Das ist ein Testlauf. Heute sind es rote Ampeln. Morgen ist es falsches Gehen. Übermorgen falsches Denken.
Denn seien wir ehrlich: Wenn ein Roboter den Verkehr regeln kann, kann er auch alles andere regeln. Warteschlangen. Blicke. Mimik. Vielleicht demnächst auch Ironie. Und dann wird es wirklich gefährlich.
Der Unterschied zum Film RoboCop ist entscheidend. Im Film gab es noch Drama. Konflikte. Menschlichkeit. Hier gibt es nur Logik. Reine Logik. Und Logik fragt nicht nach Ausnahmen. Sie fragt nur: Regel eingehalten – ja oder nein.
Ich stelle mir vor, wie das weitergeht. Der Robo-Cop hebt den Arm. Du bleibst stehen. Du willst diskutieren. Du sagst: „Aber ich war spät dran.“ Und der Roboter antwortet nicht. Er speichert. Und vielleicht bekommst du später eine Benachrichtigung: Verstoß erkannt. Bitte lächeln.
Die Menschen in Wuhu stehen da. Manche lachen. Manche filmen. Manche fühlen sich sicherer. Andere fühlen sich beobachtet. Und das ist der Punkt. Sicherheit und Überwachung liegen sehr nah beieinander. Manchmal sind sie sogar dasselbe – nur mit anderer Verpackung.
Befürworter sagen: Der Roboter ist objektiv. Keine Bestechung. Keine Laune. Keine Willkür. Das stimmt. Aber Objektivität ohne Menschlichkeit ist wie Recht ohne Gnade. Korrekt. Aber kalt.
Und jetzt kommt mein Lieblingsgedanke: Was passiert, wenn der Roboter selbst einen Fehler macht? Wem erklärst du das? Der Maschine? Dem Hersteller? Dem Algorithmus? Drückst du auf „Ich widerspreche“? Oder wirst du direkt neu kalibriert?
Ich sehe schon die Zukunft:
– Robo-Lehrer, die schlechte Noten vergeben, weil dein Gesichtsausdruck nicht lernwillig genug war.
– Robo-Beamte, die Anträge ablehnen, weil dein Antrag emotional nicht plausibel wirkt.
– Robo-Politiker, die niemals lügen – aber auch niemals verstehen.
Und irgendwo dazwischen steht die Roboter-Polizistin von Wuhu und winkt freundlich. Metallisch freundlich. Mit perfekter Haltung. Und sagt ohne Worte: Ordnung muss sein.
Ich sage: Technologie ist großartig. Wirklich. Aber Autorität aus Blech ist immer ein Statement. Ein Statement darüber, wie sehr man Menschen noch vertraut. Oder eben nicht mehr.
Heute regelt sie den Verkehr.
Morgen regelt sie dich.
Und dann wirst du dir wünschen, die Trillerpfeife wäre zurück.


