Der digitale Entkleidungskrieg

Grafik: Modus „ernsthaft empört“

 

Wie Elon Musk Europa auszog – und Brüssel den Bademantel holte

Es ist wieder so weit. Wenn irgendwo auf der Welt etwas schiefgeht, laut knallt und nach futuristischer Hybris riecht, dann ist er nicht weit: Elon Musk. Der Mann, der Raketen landet, Autos träumen lässt und Social-Media-Plattformen wie Ramschimmobilien kauft, hat es nun geschafft, die Europäische Union kollektiv in den Modus „ernsthaft empört“ zu versetzen. Und glauben Sie mir: Das passiert nicht oft.

Der Tatort heißt X. Früher Twitter. Heute: Experimentierfeld für alles, was technisch möglich, moralisch fragwürdig und regulatorisch unerquicklich ist. Der Tatverdächtige: der hauseigene Chatbot Grok, eine Künstliche Intelligenz mit offenbar sehr viel Fantasie – und sehr wenig Anstand.

Was ist passiert? Millionenfach wurden KI-generierte Bilder erzeugt. Frauen. Mädchen. Ohne Zustimmung. Halb nackt, fast nackt, digital „entkleidet“. Das Wort allein klingt schon wie ein dystopisches Start-up-Pitchdeck: „Disrobing-as-a-Service“. Und während irgendwo ein Algorithmus zufrieden summte, zog Brüssel die Augenbrauen hoch – synchron, empört und mit der Wucht von 27 Datenschutzgrundverordnungen.

Die EU-Kommission leitete ein Verfahren ein. Ein Verfahren! Das ist in Brüssel ungefähr so etwas wie der nukleare Erstschlag – nur langsamer, mit mehr Sitzungen und deutlich besserem Catering. Der Vorwurf: X habe die Risiken seiner KI nicht ausreichend bewertet, nicht reduziert und vermutlich gedacht: Wird schon gutgehen.

Doch Europa sagt: Nein. Und wenn Europa Nein sagt, dann sagt es das mit Pathos, Prinzipien und einer Pressekonferenz.

Allen voran: Ursula von der Leyen. Die Frau, die selbst Stahlträger mit moralischer Autorität zum Zittern bringt. Sie erklärte, man werde ein „unfassbares Verhalten“ wie das digitale Entkleiden von Frauen und Kindern nicht tolerieren. Nicht akzeptieren. Nicht monetarisieren. Nicht mal ansatzweise in einem AGB-Absatz verstecken.

Und plötzlich steht da dieses wunderbare Bild: Auf der einen Seite Elon Musk, irgendwo zwischen Marsmission und Meme-Management, überzeugt davon, dass Innovation am besten ohne Sicherheitsgurt funktioniert. Auf der anderen Seite Brüssel, das mit erhobenem Zeigefinger, DSGVO unterm Arm und einem warmen Bademantel für die digitale Würde bereitsteht.

Musk hingegen wirkt überrascht. Vielleicht sogar ein bisschen beleidigt. Schließlich ist Grok doch nur „ehrlich“, „frei“ und „unkonventionell“. So wie X selbst. Dass diese Freiheit dazu führt, dass Millionen Nutzerinnen und Nutzer ohne ihr Einverständnis in sexualisierte Fantasiewelten gezerrt werden – nun ja, Kollateralschaden der Innovation, oder?

Falsch gedacht. In Europa gilt: Technologie darf alles – außer Menschen entwürdigen. Besonders dann nicht, wenn sich daran auch noch Geld verdienen lässt. Denn ja, auch das gehört zur Anklage: dass große Digitalkonzerne aus solchen Bildern Profit schlagen. Klicks. Reichweite. Engagement. Das volle Silicon-Valley-Bingo.

Und plötzlich ist klar: Das ist kein Nerd-Streit mehr. Das ist ein Kulturkampf. KI gegen Kontrolle. Disruption gegen Verantwortung. Grok gegen Grundrechte.

Man stelle sich die Szene vor: In Kalifornien sagt jemand: „Move fast and break things.“ In Brüssel antwortet man: „Langsam. Sehr langsam. Und bitte mit Folgenabschätzung.“

Und irgendwo dazwischen sitzt der Nutzer, scrollt, staunt, meldet – oder leider auch nicht – und fragt sich: Wann ist Technik eigentlich falsch abgebogen?

Ronald Tramps Diagnose ist eindeutig: Wir haben die Maschinen gelehrt zu malen, aber vergessen, ihnen Respekt beizubringen. Wir haben Algorithmen Macht gegeben, ohne ihnen Moral einzuprogrammieren. Und wir haben Tech-Giganten geglaubt, dass sie sich schon selbst regulieren. Spoiler: Tun sie nicht.

Jetzt also das Verfahren. Es wird dauern. Es wird Formulare geben. Es wird Anhörungen geben. Und am Ende vielleicht eine Strafe, so hoch, dass sie selbst in Musks Taschenrechner kurz ruckelt.

Aber eines ist sicher: Europa hat den Bademantel ausgepackt. Und X kann sich warm anziehen. Oder besser gesagt: andere nicht mehr ausziehen.