Der eisige Fahrplan der Verzweiflung

Grafik: Der eisige Fahrplan der Verzweiflung

Wie Die Deutsche Bahn den Winter Bekämpft, indem sie langsamer wird

Von Ronald Tramp, Oberlokführer der Ironie, Schneeschaufler im Geiste und einziger Mensch, der schon beim Wort „Beeinträchtigung“ erfriert.


Ich sage es gleich zu Beginn, damit niemand überrascht tut: Es ist Winter. Und wenn Winter ist, dann ist eines absolut sicher wie der verspätete Anschlusszug: Die Bahn bekommt Schnappatmung. Nicht wegen Hitze, nicht wegen Streik (das kommt später), sondern wegen etwas völlig Unvorhersehbarem, völlig Neuem, völlig Revolutionärem: Schnee.

Die Deutsche Bahn hat angekündigt, den Fernverkehr im Norden und Osten vorsorglich zu reduzieren. Vorsorglich! Ein wunderschönes Wort. Klingt nach Verantwortung, nach Planung, nach: „Wir haben das kommen sehen.“ Und ja, sie haben es kommen sehen – den Winter. Ein Phänomen, das in Mitteleuropa erst seit ungefähr tausend Jahren bekannt ist.

Ab Donnerstagnachmittag, so heißt es, könne es „spürbare Beeinträchtigungen“ geben. Spürbar! Auch ein tolles Wort. Nicht „Ausfall“. Nicht „Chaos“. Nein, spürbar. Wie ein kalter Windhauch. Wie ein leichter Stoß. Wie ein ICE, der plötzlich denkt: „200 km/h reichen doch auch.“

Denn genau das passiert: Auf den Schnellfahrstrecken Berlin–Wolfsburg, Hannover–Würzburg und Köln–Rhein/Main wird die Höchstgeschwindigkeit der ICE auf 200 Kilometer pro Stunde begrenzt. Meine Damen und Herren, halten Sie sich fest – 200! Das ist praktisch Schrittgeschwindigkeit. Das ist kein Hochgeschwindigkeitsverkehr mehr, das ist ambitioniertes Radfahren mit Stromabnehmer.

Die Fahrtzeit verlängert sich um bis zu 30 Minuten. Dreißig. Ganze. Minuten. In Bahnzeitrechnung entspricht das ungefähr einem halben Lebensabschnitt oder zwei Kaffeezyklen im Bordbistro, je nach Verfügbarkeit.

Der Grund? Der Deutscher Wetterdienst prognostiziert Dauerfrost, heftigen Wind, Schneefall und Schneeverwehungen. Kurz gesagt: Winter. Nicht der aggressive Winter. Nicht der apokalyptische Winter. Einfach der normale, kalte, weiße Winter, der draußen Dinge tut, die Winter eben tun.

Besonders betroffen sind natürlich die schönsten Ziele: Norddeich-Mole, Kiel, Westerland/Sylt, Rostock, Binz/Rügen und sogar Kopenhagen. Alles Orte, bei denen man denkt: „Ach, da fahr ich im Winter mal entspannt hin.“ Falsch gedacht. Sehr falsch gedacht. Denn die Bahn sagt: „Entspannt ja – ankommen vielleicht.“

Und jetzt kommt der Service-Teil, den ich liebe. Wirklich. Kunden, die ein Ticket für Donnerstag bis Samstag gekauft haben, können dieses zu einem späteren Zeitpunkt nutzen. Die Zugbindung ist aufgehoben. Das klingt großzügig. Fast großzügig. Aber übersetzt heißt es: „Fahr, wann du willst – wir wissen auch nicht wann.“

Man kann sogar auf Mittwoch vorverlegen. Das ist besonders charmant, wenn heute Dienstagabend ist und man denkt: „Gut, dann sag ich der Arbeit einfach, dass ich morgen schon weg bin.“ Kein Problem. Absolut kein Problem. Außer für alle anderen Beteiligten.

Sitzplatzreservierungen können kostenfrei storniert werden. Auch das ist wunderbar. Denn wenn man schon nicht weiß, ob man fährt, dann sollte man wenigstens wissen, dass man keinen Sitzplatz braucht.

Ich stelle mir die Situation vor: Ein Bahnmanager steht vor einem großen Bildschirm. Darauf blinkt es. Schnee-Symbole. Wind-Pfeile. Er sagt: „Okay Leute, wir machen langsamer.“ Und alle nicken. Niemand sagt: „Aber wir hatten doch ein Jahrhundert Zeit, uns darauf vorzubereiten.“ Nein. Man macht langsamer. Das ist die große deutsche Antwort auf Naturgewalten: Reduktion.

Andere Länder räumen Gleise, bauen Schneeschutz, investieren in Technik. Deutschland sagt: „200 km/h reicht auch.“ Und irgendwo lächelt ein Zug aus der Schweiz und fährt einfach weiter.

Natürlich betont die Bahn, man wolle Sicherheit gewährleisten. Das ist wichtig. Sicherheit ist immer wichtig. Aber es bleibt dieses Gefühl: Jedes Jahr überrascht. Jedes Jahr neu. Jedes Jahr mit derselben Pressemitteilung, nur das Datum wird geändert.

Und die Fahrgäste? Die stehen da. Mit Koffer. Mit Thermoskanne. Mit Hoffnung. Sie lesen die App. Die App sagt: „Ihre Verbindung fällt aus.“ Oder noch besser: „Bitte beachten Sie die aktuellen Informationen.“ Das ist Bahn-Deutsch für: „Wir haben auch keine Ahnung.“

Ich, Ronald Tramp, sage: Die Bahn ist kein Verkehrsmittel. Sie ist ein Erlebnisraum. Eine Mischung aus Glücksspiel, Wetterkunde und Geduldstraining. Man lernt viel. Über sich. Über den Winter. Über die Bedeutung des Wortes „spürbar“.

Und trotzdem – und das ist das Erstaunliche – steigen die Menschen immer wieder ein. Sie glauben. Sie hoffen. Sie frieren. Und sie hören die Durchsage: „Wegen winterlicher Witterung verzögert sich die Weiterfahrt.“ Ein Satz, so zeitlos wie Schneeflocken.

Der Winter kommt. Die Bahn reagiert. Langsam. Vorsorglich. Spürbar. Und wir alle wissen: Das ist erst der Anfang.