Der Engel ohne Gesicht

Grafik: Das ist keine Restaurierung. Das ist eine Operation am offenen Fresko.

 

Wie man Politik mit dem Pinsel exorziert

Ich sage es gleich vorweg, damit es wirklich jeder versteht: Das ist keine Restaurierung. Das ist eine Operation am offenen Fresko.
Mit Farbe. Mit Autorität. Mit sehr viel Weihrauch in der Luft.

In einer der ältesten Kirchen Roms – alt, wirklich alt, so alt, dass selbst der Staub historische Verantwortung trägt – passierte etwas, das man nur als sakralen Super-GAU bezeichnen kann: Ein Engel blickte plötzlich… politisch.
Nicht leicht politisch. Nicht zufällig politisch. Sondern so politisch, dass selbst die Tauben draußen kurz innehielten und dachten: Moment mal.

Der Engel hatte ein Gesicht. Ein sehr bestimmtes Gesicht. Eines, das man aus Nachrichten kennt. Aus Pressekonferenzen. Aus sehr entschlossenen Blicken. Und in der Hand hielt er eine Schriftrolle – mit den Umrissen eines Landes. Ein Land, das jeder erkennt. Sogar Engel erkennen das.

Zuerst hieß es: „Nein, nein, das ist nur eine Anlehnung.“
Eine Anlehnung! Ich liebe dieses Wort. Es ist das „Ich bin ausgerutscht“ der Kunstgeschichte.
Dann, nach ein paar Tagen Wirbel, Kameras, Selfies, sehr vielen Augenbrauen in erhöhter Position, kam das große Eingeständnis: Na gut, vielleicht ein bisschen.

Und genau hier beginnt die eigentliche Satire.

Denn plötzlich strömten Menschen in Scharen. Nicht wegen der Messe. Nicht wegen des Gebets. Nicht wegen der Stille.
Sondern wegen des Engels.
Ein Engel mit Agenda. Ein Engel mit Kontur. Ein Engel mit Wiedererkennungswert.

Ich sage: Das ist der erfolgreichste Marketing-Move seit der Erfindung der Kerze.

Doch Erfolg ist gefährlich. Besonders in Kirchen.
Denn wenn Menschen kommen, um zu schauen, statt zu beten, dann ist das kein Kunstereignis mehr – dann ist es ein Problem.
Ein sehr frommes Problem. Eines, das nach Maßnahmen ruft.

Also wurde beraten. Hoch. Sehr hoch. Auf Ebenen, auf denen selbst die Decken gewölbt sind.
Und man entschied: Das Gesicht muss weg.

Nicht der Engel. Der Engel darf bleiben.
Nicht die Schriftrolle. Die bleibt auch.
Nicht die Symbolik. Nein, nein.
Nur das Gesicht.
Einfach drüber. Farbe. Schluss.

Das ist brillant. Wirklich brillant.
Denn es ist die eleganteste Form der Zensur, die ich je gesehen habe.
Man löscht nicht das Bild. Man löscht nur den Wiedererkennungswert.
Der Engel bleibt – aber anonym.
Wie ein Politiker nach der Wahl.

Der Restaurator, der zuvor noch sehr künstlerisch argumentiert hatte, griff nun selbst zum Pinsel. Auf Anweisung. Natürlich auf Anweisung.
Das ist wichtig. Niemand malt einfach so über Engel. Das macht man nur, wenn es wirklich sein muss.

Der Pfarrer erklärte anschließend, man habe immer gesagt, man würde reagieren, wenn es spaltend sei.
Spaltend! Ein weiteres wunderbares Wort.
Spaltend heißt: Menschen reden darüber.
Spaltend heißt: Zu viele kommen.
Spaltend heißt: Die falschen bleiben stehen.

Denn stellen wir uns das kurz vor:
Touristen stehen in der Seitenkapelle.
Selfies. Flüstern. Debatten.
„Sieht aus wie…“
„Nein, doch!“
„Doch, total!“

Und hinten wartet jemand auf Stille. Auf Andacht. Auf einen Moment ohne Diskussion.
Unmöglich.

Also: Pinsel raus. Gesicht weg. Frieden wiederhergestellt.

Oder?

Denn jetzt haben wir einen Engel ohne Gesicht.
Und ich sage: Das ist die perfekte Metapher unserer Zeit.

Ein Engel, der alles hält – Symbol, Land, Bedeutung – aber keine Identität mehr tragen darf.
Ein Engel, der alles sagen würde, aber nicht mehr schauen darf.
Ein Engel, der zur Projektionsfläche wird. Jeder sieht, was er sehen will.

Und das Beste: Jetzt kommen die Menschen vielleicht trotzdem.
Nicht wegen des Gesichts – sondern wegen der Geschichte des Gesichts.
Der übermalte Engel ist spannender als der gemalte.
Das ist Kunst. Große Kunst. Unfreiwillig.

Ich frage mich: Hätte man nicht einfach einen zweiten Engel daneben malen können?
Einen mit neutralem Gesicht.
Oder einen mit Sonnenbrille.
Oder einen mit leerem Blick.
Das wäre ehrlich gewesen.

Aber nein – man hat sich für die klassische Lösung entschieden: Übermalen.

Und so endet diese Geschichte nicht mit einem Skandal, sondern mit einem Farbauftrag.
Nicht laut. Nicht dramatisch.
Einfach ein bisschen mehr Farbe.

Ich ziehe meinen Hut – imaginär, versteht sich – vor dieser Entscheidung.
Denn sie zeigt: In Kirchen ist alles erlaubt.
Solange man es rechtzeitig überstreicht.

Amen.