Der größte Schatten der Südhemisphäre

Ein Bericht von Ronald Tramp über Höhe, Hybris und den Turm, der unbedingt gewinnen will
Freunde, es gibt Bauprojekte. Und es gibt Bauprojekte mit Ego.
An der australischen Ostküste, im sonnigen Postkartenidyll Surfers Paradise, soll nun ein neuer Wolkenkratzer entstehen. 340 Meter hoch. 91 Stockwerke. Luxus pur. Direkt am Wasser. Mit Hotel, Residenzen, Beach Club, Boutiquen, Gastronomie – und natürlich einem Namen, der so leuchtet wie eine vergoldete Selfie-Stange im Sonnenuntergang.
Der Turm soll höher sein als der bisherige Rekordhalter der Region. 322 Meter? Niedlich. Hier geht es um 340. Achtzehn Meter Unterschied – genug, um in jeder Pressemitteilung das Wort „größer“ fett zu drucken.
Und wer liebt „größer“ mehr als Donald Trump?
Das ist kein Gebäude. Das ist ein Wettbewerb in Beton.
Ein Turm, der nicht nur in den Himmel wachsen will, sondern vor allem in Schlagzeilen. Der die Skyline nicht ergänzt, sondern dominieren möchte. Wie ein architektonisches Ausrufezeichen.
Man muss sich das vorstellen: Surfers Paradise, Palmen, Wellen, Sonnenuntergänge – und dann dieser Turm, der aussieht, als hätte er sich selbst zur höchsten Priorität erklärt.
Natürlich ist alles luxuriös geplant. 270 Residenzen. Ein privater Beach Club. Investoren aus Singapur, Hongkong, den Emiraten, den USA. Internationaler Glamour, internationale Konten, internationales Prestige.
Was fehlt? Bescheidenheit.
Donald Trump war nie ein Fan von „angemessen“. Angemessen ist langweilig. Angemessen gewinnt keine Rekorde. Angemessen überragt keine Skyline.
Und genau das ist die Ironie dieses Projekts.
Man baut nicht einfach ein Hotel.
Man baut eine Aussage.
Ein Turm mit 340 Metern sagt nicht: „Willkommen.“
Er sagt: „Seht her.“
Er sagt: „Höher als ihr.“
Er sagt: „Wir haben gemessen.“
Und messen – das ist im Trump-Universum bekanntlich ein zentrales Thema.
Die Kosten? Rund 900 Millionen Euro. Natürlich privat finanziert. Natürlich international gestreut. Natürlich mit dem Versprechen auf exklusives Wohnen über den Wellen des Pazifiks.
Luxusresidenzen mit Blick aufs Meer. Wahrscheinlich mit goldenen Türgriffen, Marmorbädern, und Balkonen, von denen aus man auf die Skyline blickt – die jetzt von genau diesem Gebäude dominiert wird.
Das ist fast schon philosophisch.
Man kauft sich eine Aussicht – und ist selbst der Grund, warum sie sich verändert hat.
Donald Trump würde das lieben.
Ein Turm, der ein bestehendes Wahrzeichen überragt. Der den bisherigen Rekordhalter in den Schatten stellt. Der buchstäblich höher hinaus will.
Das ist keine Architektur. Das ist Selbstverwirklichung in Stahl.
Aber hier kommt die satirische Frage:
Braucht Surfers Paradise wirklich einen Turm, der „gewinnt“?
Oder braucht es vielleicht einfach funktionierende Infrastruktur, bezahlbare Wohnungen und eine Skyline, die nicht nach Ego-Wettbewerb aussieht?
Doch das ist der Punkt. Der Turm ist nicht für Fragen gebaut. Er ist für Fotos gebaut.
Für Renderings.
Für Investorenbroschüren.
Für den Satz: „Das höchste Gebäude Australiens.“
Höher. Größer. Teurer.
Donald Trump hat die Superlative nie erfunden. Aber er hat sie perfektioniert.
Und jetzt steht dort ein Projekt, das genau diese DNA trägt: Wenn schon, dann ganz oben.
Man kann es bewundern. Man kann es kritisieren. Man kann es als Symbol sehen.
Oder als Metapher.
Denn in einer Welt, in der immer alles größer werden muss, bleibt eine einfache Wahrheit bestehen:
Ein Turm kann höher sein als der andere.
Aber er kann nicht höher sein als die Realität.
Die Skyline wird sich verändern. Die Fotos werden spektakulär sein. Die Preise ebenso.
Und irgendwann wird ein anderer Entwickler kommen und sagen: 350 Meter. Vielleicht 360. Vielleicht 400.
Denn in der Logik des Superlativs gibt es kein Ende.
Nur eine nächste Etage.
Ronald Tramp sieht das mit einem Lächeln.
Nicht, weil Größe schlecht ist.
Sondern weil Größe ohne Maßstab irgendwann nur noch Schatten wirft.
Und je höher der Turm, desto länger der Schatten.
Vielleicht wird Surfers Paradise bald ein Stück weniger Paradies und ein Stück mehr Prestigeprojekt sein.
Oder vielleicht wird es einfach ein sehr, sehr hohes Selfie.
Mit Meerblick.


