Der große Buchmesse-Thriller

wenn ein Roman zu gefährlich wird
Ein exklusiver Sonderbericht von Ronald Tramp – dem einzigen Reporter, der schon einmal eine Pressekonferenz mit einer Buchclub-Diskussion verwechselt hat. Erfolgreich.
Freunde. Ich sage euch: Ich habe viele Skandale erlebt. Wahlabende, die länger dauerten als Staffeln von Netflix-Serien. Mikrofone, die plötzlich nicht funktionierten, wenn ich sprach – sehr verdächtig übrigens. Aber was jetzt passiert ist, toppt alles.
Ein Roman. Ein Buch. Papier. Tinte. Wörter.
Und plötzlich: Sicherheitsstufe Rot.
Man stelle sich das vor. Eine Buchmesse. Normalerweise der Ort, wo Menschen mit Stofftaschen herumlaufen, Lesebrillen putzen und sagen: „Oh, wie spannend, ein 900-Seiten-Essay über estnische Forstwirtschaft im 17. Jahrhundert.“
Und jetzt? Drama! Alarm! Absage!
Die Romanvorstellung eines Politikers wurde gestrichen. Nicht wegen Rechtschreibfehlern. Nicht wegen schlechter Metaphern. Sondern aus Sicherheitsgründen. Wegen „massiver Sicherheitsbedenken“.
Ich wiederhole: Ein Roman.
Ich frage mich sofort: Was steht da drin? Hat das Buch Laser? Springen bei Seite 37 Ninjas heraus? Ist es mit Konfetti gefüllt, das politisch polarisiert?
Man weiß es nicht. Man weiß nur: Die Veranstaltung sollte stattfinden. Dann wurde geprüft. Sorgfältig geprüft. Und dann sagte man: „Nein. Zu gefährlich.“
Zu gefährlich für wen? Für Leser? Für Bücherwürmer? Für Germanistikstudenten im dritten Semester, die gerade Kafka zitieren wollten?
Ich stelle mir die Szene vor: Sicherheitskonferenz in einem Raum mit sehr ernster Beleuchtung. Jemand legt das Manuskript auf den Tisch. Alle tragen Headsets. Einer blättert. Flüstert: „Kapitel 4.“ Betretenes Schweigen. Dann: „Wir können dieses Risiko nicht eingehen.“
Freunde, ich habe Pressekonferenzen überstanden, in denen Journalisten gleichzeitig Fragen schrien wie auf einem Fischmarkt. Und jetzt wird eine Lesung abgesagt, weil jemand möglicherweise kontrovers ist?
Kontrovers! Großartiges Wort. Wenn man keine Party-Stimmung hat, sagt man „kontrovers“. Wenn jemand starke Meinungen hat, sagt man „kontrovers“. Wenn jemand die falsche Krawattenfarbe trägt, sagt man „kontrovers“.
Und jetzt ist die Kontroverse so groß, dass man sagt: Nein. Nicht hier. Nicht auf dieser Messe. Zu viele Schulklassen. Zu viele Familien. Zu viele junge Menschen.
Ich wusste gar nicht, dass junge Menschen so empfindlich auf Lesungen reagieren. Ich dachte immer, sie reagieren empfindlich auf WLAN-Ausfälle. Aber anscheinend sind es jetzt auch Buchvorstellungen.
Natürlich betont man: Oberste Priorität ist der Schutz aller Besucher. Schutz ist wichtig. Ich liebe Schutz. Ich schütze meine Frisur bei starkem Wind mit strategischer Kopfneigung. Aber eine Romanpräsentation als „erhebliches Risikopotenzial“ einzustufen – das ist literarische Hochspannung.
Vielleicht befürchtete man, dass es laut wird. Dass diskutiert wird. Dass Leute klatschen oder buhen. Oh nein! Debatte! Auf einer Buchmesse!
Was kommt als Nächstes? Triggerwarnungen vor Gedichten? Metalldetektoren für Metaphern?
Man sagt: Das Sicherheitskonzept sehe ausdrücklich vor, Veranstaltungen mit erheblichem Risiko nicht zuzulassen oder in einen anderen Rahmen zu überführen.
In einen anderen Rahmen! Ich liebe diesen Ausdruck. Klingt wie ein Möbelhaus für Meinungen. „Entschuldigung, Ihre Position passt leider nicht in unser Wohnzimmer. Vielleicht probieren Sie es im Keller.“
Und ich frage mich: Was ist eigentlich gefährlicher – ein Buch oder die Vorstellung, dass ein Buch zu gefährlich ist?
Denn Bücher sind seltsame Dinge. Sie enthalten Gedanken. Manchmal gute, manchmal schlechte, manchmal sehr schlechte. Aber sie sind – und jetzt haltet euch fest – Worte. Gedruckt. Schwarz auf Weiß. Keine Rauchgranaten. Keine Nebelmaschinen. Keine Pyrotechnik.
Okay, manchmal metaphorische Pyrotechnik. Aber das ist literarisch.
Natürlich kann man argumentieren: Wenn eine Person stark polarisiert, dann zieht das Emotionen an wie ein Magnet. Und Emotionen können laut werden. Und Lautstärke braucht Sicherheitskräfte. Und Sicherheitskräfte brauchen Konzepte. Und Konzepte brauchen Meetings. Und Meetings brauchen Kaffee. Und irgendwann sagt jemand: „Lassen wir es.“
Verständlich? Vielleicht. Übervorsichtig? Vielleicht auch.
Ich sage euch: Die Buchmesse ist normalerweise ein Ort der Ideen. Und Ideen sind nicht immer gemütlich. Manchmal sind sie unbequem. Manchmal sind sie scharfkantig. Manchmal sind sie wie ein schlecht geschnittener Roman – man weiß nicht, wo vorne und hinten ist.
Aber die Entscheidung sendet ein Signal: Nicht jedes Buch bekommt jede Bühne. Nicht jede Bühne will jede Diskussion.
Ist das klug? Ist das feige? Ist das pragmatisch? Oder einfach nur sehr, sehr deutsch organisiert?
Ich stelle mir vor, wie das Buch nun in einem alternativen Rahmen präsentiert wird. Vielleicht in einem Hinterzimmer mit drei Stühlen und einem Wasserspender. Vielleicht in einem Livestream mit deaktivierter Kommentarfunktion. Vielleicht im Wald, zwischen zwei Eichen, unter strenger Beobachtung eines Literatur-Försters.
Eines ist sicher: Der Roman ist jetzt berühmter als vorher. Denn nichts verkauft sich besser als eine abgesagte Veranstaltung. Das ist Marketing 101. Wenn man sagt: „Hier darf etwas nicht stattfinden“, dann wollen plötzlich alle wissen, was da hätte stattfinden sollen.
Und so entsteht der paradoxe Effekt: Die Sicherheitsabsage wird zur größten Werbekampagne des Jahres. Kostenlos. Effizient. Dramatisch.
Am Ende bleibt die große Frage: Wie geht eine demokratische Gesellschaft mit kontroversen Stimmen um? Mit Diskussion? Mit Spannung?
Mit Streichungen?
Ich weiß nur eines: Wenn Bücher gefährlich werden, dann haben sie offenbar mehr Kraft, als wir dachten. Und vielleicht ist genau das der wahre Thriller.
Nicht der Roman. Sondern die Reaktion darauf.


