Der große Langsam-Fahr-Tag

Wie Deutschland entdeckte, dass Züge auch Gefühle haben
Von Ronald Tramp, einzig zugelassener Hochgeschwindigkeitskritiker im Standgas
Ich sage es, wie es ist: So etwas kann nur in Deutschland passieren. Ein bisschen Eis. Ein bisschen Glätte. Ein paar Tropfen Regen mit Haltung. Und plötzlich wird aus Hochgeschwindigkeit Hochphilosophie. Die Züge fahren langsamer. Nicht, weil sie nicht könnten. Sondern weil sie nicht wollen. Oder dürfen. Oder sich gerade nicht danach fühlen.
Meine Fahrt ins Büro heute Morgen war beschwerlich. Sehr beschwerlich. Und ich weiß: Ich war nicht allein. Millionen Menschen saßen gleichzeitig in Zügen und dachten denselben Gedanken: Wir sind unterwegs – aber innerlich stehen wir noch im Bahnhof.
Die Deutsche Bahn trat auf den Plan. Seriös. Ruhig. Mit diesem Tonfall, der sagt: Alles ist unter Kontrolle – auch wenn nichts fährt. Man habe „vorsorglich die zulässige Höchstgeschwindigkeit reduziert“. Vorsorglich! Ein fantastisches Wort. Vorsorglich heißt: Wir wissen nicht genau, was passiert, aber wir bremsen schon mal alles. Das ist keine Technik. Das ist Lebensphilosophie.
Betroffen waren natürlich wieder die großen Achsen. Hannover–Frankfurt. Wolfsburg–Berlin. Köln–Frankfurt. Immer Frankfurt. Frankfurt ist offenbar der Mittelpunkt aller Dinge – und aller Verspätungen. Wenn irgendwo in Deutschland ein Zug langsamer fährt, weiß Frankfurt davon. Garantiert.
Und dann die nächste Sensation: ICE-Züge zwischen Berlin und Frankfurt halten nicht mehr in Braunschweig und Hildesheim. Einfach so. Weggelassen. Als hätte jemand gesagt: Brauchen wir heute nicht. Das ist Fortschritt. Früher nannte man das „Anschluss verlieren“. Heute nennt man es „optimierte Streckenführung ohne Halt“. Klingt besser. Fühlt sich schlechter an.
Die Bahn erklärte, dadurch könne es zu Verspätungen und Anschlussverlusten kommen. Könne! Dieses Wort ist pure Satire. Könnte. Vielleicht. Eventuell. Unter Umständen. Ich kenne niemanden, der heute pünktlich angekommen ist und gesagt hat: Ach, das war aber nur optional verspätet.
Und dann kam der schönste Satz des Morgens:
„Insgesamt haben wir einen guten Betriebsstart erlebt.“
Einen guten Betriebsstart! Während Menschen in Zügen saßen, die langsamer fuhren als ambitionierte Fußgänger mit Thermoskanne. Während Apps blinkten, piepten und resigniert aufgaben. Während man im ICE mehr Zeit hatte, über sein Leben nachzudenken, als jemals geplant.
Im Norden könne es noch zu Teilausfällen kommen. Teilausfälle! Das ist großartig. Das ist wie ein halber Stromausfall oder ein bisschen schwanger. Entweder etwas fährt – oder es fährt nicht. Aber bei der Bahn gibt es alles dazwischen. Schienenverkehr im Zustand der inneren Unentschlossenheit.
Und trotzdem – keine größeren Störungen. Keine! Das muss man sich vorstellen. Züge langsamer, Halte gestrichen, Anschlüsse weg, Menschen verloren, Kaffee leer – aber keine größeren Störungen. Das ist deutsche Gelassenheit in Reinform. Wenn der Zug noch existiert, gilt alles andere als Detail.
Punktuell komme es zu Beeinträchtigungen, die aber schnell erledigt werden konnten. Punktuell! Dieses Wort wird viel zu wenig gewürdigt. Punktuell heißt: Überall, aber nicht gleichzeitig. Und „schnell erledigt“ heißt: Irgendwann war es nicht mehr so schlimm wie vorher.
Ich habe beobachtet, wie Menschen im Zug miteinander gesprochen haben. Fremde! Das passiert sonst nie. Aber wenn ein ICE langsamer fährt, entsteht Gemeinschaft. Man teilt Leid. Man teilt Steckdosen. Man teilt die stille Wut auf Push-Nachrichten, die sagen: Ihre Verspätung verlängert sich um weitere fünf Minuten. Weitere! Weitere wovon?
Die Bahn sagt: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Und das stimmt. Aber ich sage: Stillstand ist keine Hochgeschwindigkeit – auch nicht vorsorglich. Wenn man Schnellfahrstrecken baut, um sie dann bei leichtem Eis in meditative Zonen zu verwandeln, ist das kein Verkehr. Das ist Achtsamkeit auf Schienen.
Am Ende kamen wir an. Irgendwann. Manche später. Manche anderswo. Manche nur emotional. Aber wir haben etwas gelernt: Geschwindigkeit ist relativ. Pünktlichkeit ist ein Gerücht. Und die Deutsche Bahn ist kein Verkehrsmittel – sie ist ein Erlebnis.
Ein langsames. Sehr langsames.


