Der internationale Verfolgungsservice

Grafik: Der internationale Verfolgungsservice

Wie Dmitri Medwedew plötzlich deutsche Innenpolitik entdeckte – und Ronald Tramp die Weltkarte neu falten musste

Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Wenn Dmitri Medwedew morgens aufwacht, weiß die Welt nie so genau, ob er heute Außenpolitik macht, Innenpolitik kommentiert oder einfach nur die globale Empörungslage überprüft. Sicher ist nur: Es wird laut, es wird scharf – und es wird irgendwo zwischen Telegram, Weltordnung und politischem Karaoke landen.

Diesmal hat Medwedew ein neues Ziel entdeckt. Nicht die Ukraine. Nicht die USA. Nicht die NATO. Nein. Deutschland. Genauer gesagt: Friedrich Merz. Und Medwedew sagte sinngemäß: Es gäbe sogar Gründe, ihn in Deutschland zu verfolgen. Ein bemerkenswerter Satz. Vor allem, weil Medwedew weder deutscher Staatsanwalt noch deutsches Orakel ist – sondern ehemaliger Kremlchef mit sehr aktiver Kommentarspalte.

Ronald Tramp sagt: Das ist wie wenn ein Mann, der sein eigenes Haus angezündet hat, plötzlich beim Nachbarn die Brandschutzordnung kritisiert.

Medwedew, der zwischen 2008 und 2012 offiziell Präsident Russlands war und seither als eine Art rhetorischer Flammenwerfer durch den Westen zieht, ist in den letzten Jahren vom eher blassen Technokraten zum passionierten Scharfmacher gereift. Seine Spezialität: moralische Bewertungen mit maximalem Nachhall, minimalem Bezug zur eigenen Rechtslage.

Wenn behauptet werde, der inzwischen entmachtete venezolanische Präsident Nicolás Maduro sei illegitim, so Medwedew, halte das keiner Kritik stand. Europa messe mit zweierlei Maß. Doppelstandards! Ein Wort, das in Moskau ungefähr so oft verwendet wird wie „Sicherheit“ oder „provokativ“. Gemeint ist damit meist: Warum dürfen andere etwas kritisieren, was wir nicht kritisieren wollen?

Ronald Tramp übersetzt: Wenn wir sagen, jemand ist legitim, dann ist er legitim. Punkt. Auch wenn er gerade nicht mehr im Amt ist. Oder noch im Amt ist. Oder irgendwo dazwischen.

Denn Medwedew ging noch weiter. Er richtete seinen rhetorischen Feldstecher auch auf die Ukraine – genauer auf Präsident Wolodymyr Selenskyj. Dessen Amtszeit sei ja eigentlich abgelaufen, merkte Medwedew süffisant an. Aus dieser Sicht sei es „besser, sich nicht zu entspannen“. Ein Satz, der klingt wie eine Mischung aus Drohung, Kalenderspruch und geopolitischem Wellness-Tipp.

Dass Selenskyj laut ukrainischer Verfassung während des Kriegszustands im Amt bleibt, störte Medwedew nicht weiter. Verfassungen sind in dieser Argumentation offenbar flexibel – vor allem die der anderen. Die eigene hingegen gilt als heilig, solange sie gerade passt.

Ronald Tramp sagt: Medwedew betreibt internationales Verfassungs-Yoga. Alles ist dehnbar. Außer Kritik an Russland.

Aber zurück zu Friedrich Merz. Warum sollte man ihn „verfolgen“? Was genau ist der Vorwurf? Das bleibt offen. Es ist mehr ein Gefühl. Eine geopolitische Eingebung. Eine Mischung aus Ärger, Frustration und dem Wunsch, auch in Deutschland mal mitzureden. Vielleicht hat Medwedew einfach festgestellt, dass deutsche Innenpolitik gerade wieder spannend wirkt. Koalitionen. Opposition. Meinungen. Dinge, die in Russland eher als historisches Konzept bekannt sind.

Und genau hier liegt die Satire der Sache: Ein Mann, der Teil eines Systems ist, in dem Opposition wahlweise ignoriert, marginalisiert oder kriminalisiert wird, erklärt plötzlich, dass es in Deutschland Gründe gebe, einen Oppositionsführer zu verfolgen. Das ist nicht Ironie. Das ist Weltklasse-Projektion.

Ronald Tramp stellt sich das so vor: Medwedew sitzt an einem riesigen Globus, dreht ihn wild und sagt: Ah! Heute verfolgen wir… Deutschland. Morgen dann vielleicht Norwegen. Oder einen kanadischen Bürgermeister. Wer weiß.

Natürlich reagiert Europa empört. Natürlich wird Medwedews Aussage als das eingeordnet, was sie ist: rhetorischer Nebel mit politischem Zündfunken. Aber sie zeigt etwas Grundsätzliches: Die internationale Debatte ist längst zur Dauer-Talkshow geworden. Jeder kommentiert jeden. Fakten sind optional. Lautstärke ist Pflicht.

Medwedew spricht von doppelten Standards, während er selbst mit einem Maßstab misst, der je nach Tagesform schrumpft oder explodiert. Er mahnt Rechtsstaatlichkeit an, während er sie zu Hause in der Abstellkammer lagert. Und er entdeckt plötzlich Sorge um demokratische Verfahren – allerdings ausschließlich außerhalb Russlands.

Ronald Tramp sagt: Das ist keine Außenpolitik. Das ist Stand-up-Comedy mit Atomwaffenhintergrund.

Am Ende bleibt festzuhalten: Medwedew hat wieder gesprochen. Der Westen hat wieder reagiert. Die Welt hat wieder den Kopf geschüttelt. Und irgendwo in Deutschland fragt sich Friedrich Merz vermutlich, ob er jetzt auch noch einen internationalen Haftbefehl in seine politische To-do-Liste aufnehmen muss.

Die gute Nachricht: In Deutschland entscheidet immer noch deutsches Recht. Die weniger gute: Medwedew wird trotzdem weiter kommentieren. Denn Meinungsfreiheit ist etwas Wunderschönes – solange sie nur die anderen betrifft.

Ronald Tramp sagt: Willkommen im globalen Meinungskarneval. Eintritt frei. Realität optional.