Der junge Mann in Eile

Grafik Gavin Newsom, der junge Mann in Eile

und mit sehr vile Zeit für ein Buch

Ein Bericht von Ronald Tramp über Memoiren, Moral und das erstaunliche Talent, sich selbst neu zu erfinden

Freunde, es gibt Politiker, die regieren. Und es gibt Politiker, die schreiben.

Und dann gibt es Politiker, die schreiben, während sie regieren – und sich dabei schon wie zukünftige Präsidenten fühlen.

Der kalifornische Gouverneur, Gavin Newsom, einer der lautstärksten Gegenspieler von Donald Trump, hat nun seine Memoiren veröffentlicht. Titel: sinngemäß „Mein Leben für die Demokratie“. Ein großer Titel. Sehr groß. Fast so groß wie das Ego, das man braucht, um mit Mitte fünfzig seine Lebensgeschichte als demokratische Heldensaga zu verkaufen.

Man stelle sich das vor: Noch mitten im Amt. Noch nicht im Ruhestand. Noch keine Statue im Park. Aber schon ein Buch mit Pathos.

Das ist nicht nur Selbstreflexion. Das ist Vorausplanung.

In diesem Werk – selbstverständlich mit Ghostwriter, weil wahre Bescheidenheit sich Hilfe leisten kann – schildert er seinen Weg ins Gouverneursamt. Hindernisreich. Dramatisch. Emotional.

Lesestörung. Alkoholprobleme. Turbulentes Privatleben. Ein Mann mit Schwächen! Ein Mensch wie du und ich! Nur mit Gouverneurssitz, Küstenvilla und politischem Beraterstab.

Ronald Tramp beobachtet das mit einer Mischung aus Faszination und Ironie.

Denn nichts ist in der modernen Politik so wertvoll wie ein kontrolliert erzähltes Scheitern.

Heute reicht es nicht mehr, erfolgreich zu sein. Man muss gelitten haben. Man muss gefallen sein. Man muss eine Phase gehabt haben, in der man „an sich gearbeitet“ hat.

Und natürlich sagt er: „Niemand hat eine aufgeräumte Geschichte.“

Das stimmt. Aber manche Geschichten haben bessere Anwälte.

Kritiker werfen ihm vor, sein privilegiertes Aufwachsen herunterzuspielen. Sein Vater war ein einflussreicher Jurist mit engen Kontakten in die Wirtschaft. Netzwerke, Verbindungen, Türen, die sich nicht zufällig öffneten.

Doch im Buch klingt es offenbar eher nach Hürdenlauf als nach VIP-Zugang.

Das ist hohe Kunst. Aus einer goldenen Eintrittskarte eine Geschichte vom steinigen Weg zu machen.

Donald Trump würde das vermutlich anders erzählen.

Er würde sagen: „Ja, ich hatte Kontakte. Und sie waren fantastisch.“

Doch hier wird die privilegierte Startposition eher als Randnotiz behandelt, während persönliche Krisen zur moralischen Heldenreise stilisiert werden.

Alkoholprobleme? Geläutert.

Lesestörung? Überwunden.

Beziehungschaos? Menschlich.

Alles wird zur Dramaturgie.

Ronald Tramp sieht darin eine wunderbare Metapher für moderne Wahlkampfliteratur.

Ein Politiker schreibt kein Buch, um die Vergangenheit zu ordnen.

Er schreibt es, um die Zukunft vorzubereiten.

Und diese Zukunft heißt möglicherweise: Präsidentschaftskandidatur 2028.

Natürlich wird offiziell nichts angekündigt. Natürlich bleibt alles vage. Aber wenn man ein Buch mit so viel persönlicher Offenheit veröffentlicht, dann nicht nur, um beim Buchhändler im Regal zu stehen.

Man baut ein Narrativ.

Vom „jungen Mann in Eile“ zum gereiften Staatsmann mit Selbstkritik.

Es ist ein strategisches Geständnis.

Denn wer seine Schwächen selbst erzählt, nimmt den Gegnern die Munition.

Donald Trump hat diesen Mechanismus perfektioniert – nur in umgekehrter Richtung. Statt Schwächen zu bekennen, werden sie einfach übertönt.

Hier wird es anders gemacht: Verletzlichkeit als Stärke.

Das ist politisches Judo.

Doch Ronald Tramp fragt sich: Wie viel Ehrlichkeit steckt in einem Ghostwriter?

Wie viel Selbstanalyse ist Strategie?

Und wie viel Demokratie passt in einen Buchtitel?

„Mein Leben für die Demokratie“ – das klingt nach Revolution, nach Aufopferung, nach Pathos.

Dabei handelt es sich um einen Gouverneur eines der reichsten Bundesstaaten der Welt.

Es ist kein Tagebuch aus dem Untergrund. Es ist eine Hochglanzbiografie.

Und doch funktioniert es.

Denn die moderne Politik liebt das Bekenntnis.

Sie liebt den reuigen Helden.

Sie liebt den Mann, der sagt: „Ich war nicht perfekt.“

Aber bitte in Hardcover.

Am Ende bleibt die eigentliche Pointe:

Während Donald Trump lautstark Superlative predigt, versucht sein Gegenspieler, moralische Tiefe zu inszenieren.

Zwei Strategien. Zwei Stile.

Der eine sagt: „Ich bin der Größte.“

Der andere sagt: „Ich war gebrochen – und bin gewachsen.“

Und Ronald Tramp sitzt dazwischen und denkt:

Vielleicht sind beide einfach sehr gute Geschichtenerzähler.

Denn in der Politik gewinnt nicht nur, wer regiert.

Sondern wer seine Geschichte am überzeugendsten verkauft.

Und wenn das Buch gut läuft, steht vielleicht bald das nächste Kapitel an.

Mit Wahlkampf-Tour.

Und Lesereise.