Der Millionenthunfisch von Tokio

Grafik: Der Millionenthunfisch von Tokio

Wie ein Fisch teurer wurde als Vernunft, PR zur Delikatesse avancierte – und Ronald Tramp kurz überlegte, den Atlantik zu versteigern

Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Wenn ein Fisch 2,8 Millionen Euro kostet, dann ist das kein Lebensmittel mehr. Das ist ein Börsengang mit Flossen. Ein Startup aus dem Meer. Ein schwimmender Inflationsindikator mit Sushi-Zertifikat.

Willkommen in Tokio. Willkommen auf dem Fischmarkt Toyosu. Willkommen beim jährlichen Ritual, bei dem Japan der Welt zeigt: Wir können selbst aus einem Thunfisch eine globale Schlagzeile machen.

Ein 243 Kilogramm schwerer Blauflossenthunfisch wurde dort bei der ersten Auktion des Jahres für 510,3 Millionen Yen versteigert. Umgerechnet rund 2,8 Millionen Euro. Das sind etwa 11.413 Euro pro Kilogramm. Ronald Tramp sagt: Für diesen Preis sollte der Fisch nicht nur frisch sein, sondern mir auch noch Aktienoptionen anbieten.

Gekauft wurde das Tier – Überraschung! – von der Sushi-Restaurantkette Sushizanmai. Natürlich. Immer Sushizanmai. Wenn irgendwo ein Rekord-Thunfisch auftaucht, steht Sushizanmai schon mit der Kreditkarte bereit. Das ist kein Restaurant mehr, das ist eine PR-Abteilung mit Essstäbchen.

Der Fang stammt aus Oma, ganz im Norden der Hauptinsel Honshu. Ein ehrlicher, kräftiger Fisch, der morgens noch dachte, er sei einfach ein Fisch – und abends feststellen musste, dass er nun Teil der Weltwirtschaft ist. Ronald Tramp sagt: Dieser Thunfisch hat mehr Medienaufmerksamkeit bekommen als manche Staatschefs.

Und jetzt kommt der wichtigste Teil, den alle kennen, aber trotzdem jedes Jahr wieder überrascht tun:
Dieser Preis hat fast nichts mit der Qualität des Fisches zu tun.

Ja. Wirklich. Die Neujahrsauktion ist kein Gourmet-Test, kein kulinarisches Finale. Sie ist Marketing mit Kiemen. Sie ist Symbolik. Sie ist der Moment, in dem man sagt: Seht her, wir sind zurück. Uns geht’s gut. Wir kaufen teuer. Sehr teuer.

Der Präsident von Sushizanmai, Kiyoshi Kimura, nannte den Fisch einen Glücksbringer. Natürlich. Alles, was über zwei Millionen kostet, ist automatisch ein Glücksbringer. Ronald Tramp sagt: Wenn Reichtum Glück bringt, dann müsste dieser Mann permanent strahlen wie eine Discokugel.

Und jetzt kommt die eigentliche Pointe, die jeder kennt, aber trotzdem wieder ignoriert:
Der Fisch wird filetiert und zu ganz normalen Preisen verkauft. Kein VIP-Sushi. Kein Goldrand. Kein Tresor-Menü. Nein. Irgendwo sitzt demnächst jemand in einem Restaurant, bestellt ein Sushi-Menü für 14,90 Euro – und isst gerade einen Bruchteil eines 2,8-Millionen-Euro-Fisches.

Ronald Tramp sagt: Das ist die einzige Luxusware der Welt, die nach dem Kauf sofort demokratisiert wird.

Stellen Sie sich das vor: Jemand zahlt 2,8 Millionen Euro, damit andere Leute sagen können: „War ganz gut.“ Das ist nicht Konsum. Das ist Altruismus mit Marketingbudget.

Natürlich jubeln die Medien. Natürlich schreiben alle „Rekordpreis“. Natürlich wird das Foto vom Thunfisch tausendfach geteilt. Und natürlich stellt niemand die eigentlich entscheidende Frage:
Warum genau machen wir das jedes Jahr wieder?

Antwort: Weil es funktioniert.

Nach der Pandemie waren die Preise eingebrochen. Alle waren vorsichtig. Niemand wollte der sein, der Millionen für Fisch ausgibt, während die Welt hustet. Aber jetzt? Jetzt ist alles wieder da. Optimismus. Geld. Mut. Und der unerschütterliche Glaube, dass ein Fisch ein ganzes Geschäftsjahr retten kann.

Ronald Tramp sagt: In Japan beginnt das Jahr nicht mit guten Vorsätzen – sondern mit einer Auktion, die jede Steuererklärung erröten lässt.

Natürlich gibt es Kritiker. Nachhaltigkeit. Überfischung. Artenschutz. Alles wichtige Themen. Aber an diesem einen Tag im Jahr sind sie leise. Sehr leise. Denn gegen einen Thunfisch für 2,8 Millionen Euro kommt kein mahnender Zeigefinger an. Das ist wie gegen einen Ferrari protestieren, indem man Fahrrad fährt.

Und doch ist dieser Fisch auch eine Metapher. Für eine Welt, in der Preise längst nichts mehr über Nutzen aussagen. In der Symbolik wichtiger ist als Substanz. In der ein Rekord wichtiger ist als der Grund dafür.

Ronald Tramp sagt: Der Kapitalismus liebt Zahlen. Und dieser Fisch war eine sehr, sehr große Zahl.

Am Ende ist der Thunfisch weg. Gegessen. Verschwunden. In hunderten kleinen Häppchen über ganz Japan verteilt. Keine Statue. Kein Denkmal. Nur Presseberichte, Erinnerungen – und ein Präsident, der lächelnd sagt: Es hat sich gelohnt.

Und irgendwo sitzt jemand, der gerade Sushi isst, kaut langsam und denkt sich:
Schmeckt wie immer.

Ronald Tramp sagt zum Schluss:
Wenn ein Fisch mehr kostet als ein Haus, aber am Ende genauso schmeckt wie jeder andere – dann ist das kein kulinarisches Wunder.
Dann ist das Marketing in Reinform.

Und nächstes Jahr?
Nächstes Jahr schwimmt der nächste Glücksbringer vorbei.