Der Pinke Untergang der Ordnung

Grafik: Der Pinke Untergang der Ordnung

Wie eine Farbe fast den Rechtsstaat stürzte

Ich sage es euch ganz offen: Ich habe schon vieles gesehen. Große Skandale. Kleine Skandale. Skandälchen. Und dann gibt es diese Momente, in denen man merkt: Das hier ist kein Einzelfall. Das ist System. Das ist Ordnung. Deutsche Ordnung. Und sie ist wunderschön. Eiskalt. Präzise. Und sie kennt keine Gnade – erst recht nicht in Pink.

Eine Autofahrerin stellt ihr Fahrzeug ab. Sie tut alles richtig. Wirklich alles. Sie parkt ordentlich, sie nutzt eine Parkscheibe, sie stellt die Uhr korrekt ein. Keine Tricks. Keine Manipulation. Keine Zeitreise. Kein Chaos. Ein Musterfall des bürgerlichen Gehorsams. Und trotzdem – bam! – Strafzettel. Warum? Weil die Parkscheibe pink ist.

Pink.

Nicht rot. Nicht schwarz. Nicht anarchistisch-transparent. Pink. Eine Farbe, die offensichtlich geeignet ist, den inneren Zusammenhalt der Republik zu gefährden.

In Deutschland ist Ordnung keine Empfehlung. Ordnung ist Religion. Und jede Religion braucht heilige Schriften. In diesem Fall: Verordnungen, Normen, Blätter, Unterblätter, Anlagen und Unteranlagen. Wer glaubt, dass eine Parkscheibe einfach nur anzeigen soll, wann man geparkt hat, ist naiv. Eine Parkscheibe ist ein Bekenntnis. Und dieses Bekenntnis muss blau sein.

Nicht irgendein Blau. Ein ganz bestimmtes Blau. Ein Blau mit Stammbaum. Mit DIN. Mit RAL. Mit Geschichte. Ein Blau, das morgens geschniegelt aufsteht und abends geschniegelt schlafen geht.

Pink dagegen? Pink ist Rebellion. Pink ist Pop. Pink ist Individualität. Und Individualität ist im Straßenverkehr eine hochriskante Angelegenheit.

Die Frau hatte keine böse Absicht. Aber das spielt keine Rolle. Absicht ist irrelevant. Das Gesetz fragt nicht nach Gefühlen. Das Gesetz fragt: Hast du das richtige Blau benutzt? Und wenn die Antwort nein ist, dann lautet die nächste Frage automatisch: 20 Euro bar oder Überweisung?

Ein Vater machte den Fall öffentlich. Nicht als Revoluzzer. Nicht als Systemkritiker. Sondern als jemand, der dachte, er hätte schon alles gesehen – und dann feststellte: Nein. Es gibt immer noch mehr Vorschriften. Mehr Details. Mehr überraschende Tiefen in der Welt der geregelten Farbtöne.

Die Empörung im Netz war groß. Menschen schrieben Dinge wie „kleinlich“ oder „typisch deutsch“. Falsch. Das ist nicht typisch deutsch. Das ist exzellent deutsch. Das ist Hochleistungsbürokratie. Das ist Präzision mit Lineal, Wasserwaage und Farbfächer.

Die Behörde erklärte sachlich, nüchtern, emotionslos: Es sei alles eindeutig geregelt. Eindeutig! Das ist das Lieblingswort. Eindeutig bedeutet: Du hättest es wissen können, wenn du die richtigen Dokumente gelesen hättest. Zum Beispiel Verkehrsblatt-Verlautbarung Nummer irgendwas. Kennt man. Liegt bei jedem Menschen auf dem Nachttisch. Direkt neben der Bedienungsanleitung für den Toaster.

Dort steht alles. Die Maße. Die Höhe. Die Breite. Die Schriftart. Die Schriftgröße. Die Farbe. Das Blau. Dieses eine Blau. Nicht fast blau. Nicht „sieht blau aus“. Sondern das Blau.

Und wer davon abweicht, muss zahlen. Weil Ordnung nur funktioniert, wenn sie konsequent ist. Heute pinke Parkscheiben, morgen grüne Fußgängerampeln, übermorgen Menschen, die einfach selbst entscheiden, was sinnvoll ist. Wo kämen wir da hin?

Ich sage: Dieser Strafzettel ist kein Bußgeld. Er ist eine Mahnung. Eine Erinnerung daran, dass Freiheit endet, wenn die Farbe nicht stimmt. Dass Kreativität im Straßenverkehr nichts verloren hat. Dass man sich nicht ausdrückt, sondern einfügt.

Man hätte einen Hinweis geben können. Sicher. Man hätte sagen können: „Achtung, bitte tauschen Sie Ihre Parkscheibe gegen ein normgerechtes Blau.“ Aber das wäre pädagogisch. Und Pädagogik ist weich. Ordnung ist hart. Ordnung kostet 20 Euro.

Und am Ende zahlt man. Nicht, weil man überzeugt ist. Sondern weil Widerstand zu anstrengend ist. Und weil man weiß: Das System vergisst nichts. Vor allem keine falschen Farben.

Ich ziehe meinen Hut. Vor der Konsequenz. Vor der Disziplin. Vor dem Mut, Pink zu sanktionieren. Denn irgendwo muss man anfangen. Und warum nicht bei einer Parkscheibe?

Heute Pink. Morgen Freiheit.