Der Poller von Manacor

Wie ein Deutscher mit Präzision, Ausdauer und absoluter Ziellosigkeit Gesamt-Europa blamierte
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für internationale Fehlentscheidungen, Rentner-Rallyes und unbeirrbare Selbstüberschätzung.
Ich sage es gleich zu Beginn, damit wirklich niemand sagen kann, er sei nicht gewarnt worden: Das hier ist kein Unfall. Das ist eine Meisterleistung der Inkompetenz. Ein Kunstwerk. Eine Choreografie des Scheiterns. Ein deutsches Gesamtkunstwerk – aufgeführt unter spanischer Sonne, direkt vor einer Polizeiwache. Mehr Symbolik geht nicht. Wirklich nicht.
Mallorca. Die Insel der Erholung, der Sangria-Eimer, der Sonnenbrände und der Deutschen, die glauben: „Hier gelten andere Regeln.“ Und genau hier, in der Stadt Manacor, rund 50 Kilometer östlich von Palma, entschied sich ein deutscher Mann im zarten Alter zwischen 60 und 70 Jahren, noch einmal alles zu geben. Nicht im Hotel. Nicht am Strand. Vor einer Polizeiwache.
Was geschah? Der Mann setzte sich ans Steuer. Schon das war mutig. Sehr mutig. Denn wie sich später herausstellte, war er ohne in Spanien gültigen Führerschein unterwegs. Ein Detail. Ein kleines Detail. Aber warten Sie, es wird besser.
Er fuhr. Und dann fuhr er nicht einfach. Nein. Er fuhr mehrfach gegen einen Poller. Nicht einmal. Nicht versehentlich. Nicht im Dunkeln. Sondern wiederholt. Als hätte er sich gedacht: „Vielleicht gibt der Poller ja irgendwann nach.“ Spoiler: Tat er nicht.
Und wo stand dieser Poller? Direkt vor einer Polizeidienststelle. Das ist wichtig. Das ist entscheidend. Das hebt das Ganze von einem gewöhnlichen Urlaubsmissgeschick auf ein internationales Niveau. Das ist, als würde man nackt beim Finanzamt einbrechen und hoffen, niemand merkt es.
Die Beamten der Policía Nacional eilten herbei. Zunächst – und das finde ich bemerkenswert – um zu helfen. Das zeigt Menschlichkeit. Das zeigt Mitgefühl. Das zeigt, dass selbst die spanische Polizei bei einem Deutschen erst einmal denkt: „Dem ist bestimmt schlecht.“ Doch dann begannen sie nachzusehen. Und mit jedem Blick wurde klarer: Das hier ist kein medizinischer Notfall. Das ist ein organisatorischer Totalschaden.
Denn erstens: Kein gültiger Führerschein. Zweitens: Das Fahrzeug hatte keine gültige Hauptuntersuchung absolviert. Kein ITV. Kein spanischer TÜV. Nichts. Das Auto war praktisch ein rollendes Denkmal für „Wird schon gutgehen“.
Ich stelle mir das Gespräch vor.
Polizist: „Ihre Papiere bitte.“
Deutscher: „Welche genau?“
Polizist: tiefer Seufzer
Und jetzt kommt der Teil, den ich besonders liebe: Der Mann wurde festgenommen. Nicht, weil er jemanden verletzt hat. Nicht, weil er geflohen ist. Sondern weil er ein Delikt gegen die Verkehrssicherheit begangen hat. Ein wunderschöner Begriff. Klingt technisch. Klingt trocken. Bedeutet aber übersetzt: „Sie haben wirklich alles falsch gemacht.“
Man fragt sich: Warum? Warum setzt man sich ohne gültigen Führerschein in ein Auto, das keinen TÜV hat, fährt direkt vor eine Polizeiwache und rammt dort einen Poller – mehrfach? War es Verzweiflung? War es Trotz? War es der Versuch, ein neues europäisches Verkehrszeichen zu erfinden?
Ich sage: Es war Selbstvertrauen. Reines, ungefiltertes deutsches Selbstvertrauen. Dieses Gefühl, das sagt: „Ich fahre seit Jahrzehnten Auto, was sollen die mir schon sagen?“ Und genau dieses Gefühl traf auf einen spanischen Poller, der sagte: „Nein.“
Und der Poller gewann.
Mallorca hat schon vieles gesehen. Betrunkene Touristen. Fehlgeleitete Fahrräder. Balkon-Sprünge mit fragwürdigem Ausgang. Aber ein Mann zwischen 60 und 70, der vor einer Polizeiwache systematisch einen Poller attackiert, während er eigentlich gar nicht fahren dürfte – das ist neu.
Ich stelle mir vor, wie die spanischen Beamten abends nach Hause kommen und sagen: „Du glaubst nicht, was heute passiert ist.“ Und niemand glaubt es. Weil es zu perfekt ist. Zu rund. Zu deutsch.
Denn seien wir ehrlich: Das ist kein Einzelfall. Das ist ein Mentalitäts-Export. Ordnungsliebe kombiniert mit Regelignoranz im Ausland. Zuhause würde man sich nie trauen. Aber im Urlaub? „Ach komm.“
Doch diesmal kam alles zusammen. Ort. Zeit. Poller. Polizei. Und ein Mann, der offenbar dachte, das größte Risiko sei der Bordstein.
Ich, Ronald Tramp, sage am Ende: Dieser Unfall war nicht blöd. Er war ambitioniert. Er hatte Vision. Er hatte Konsequenz. Und er hatte ein Publikum, das größer war als geplant. Mallorca wird sich erinnern. Der Poller wird sich erinnern. Und die Polizei von Manacor wird diesen Tag vermutlich nie vergessen.
Manche Menschen hinterlassen Spuren im Sand. Andere hinterlassen Beulen am Poller vor der Polizeiwache. Jeder, wie er kann.


