Der schnellste Juwelenraub der Welt

und die langsamste Flucht der Geschichte
Von Ronald Tramp, Experte für Hochgeschwindigkeits-Eseltaktik und taktische Fehlplanung
Meine Damen und Herren, ich habe schon viel gesehen. Wirklich viel. Schnelle Autos. Schnelle Deals. Schnelle Reden. Aber das hier – das ist Kunst. Reine Kunst. Ein Meisterwerk der Logistik. Und gleichzeitig eine Katastrophe auf vier Hufen.
Ein Mann. Ein Gabelstapler. Ein Juweliergeschäft. 90 Sekunden. Zack – rein. Glas kaputt. Schmuck geschnappt. Professionell? Absolut. Präzise? Beeindruckend. Effizient? Beängstigend.
Und dann… kommt der Esel.
Ich wiederhole: Der Esel.
Die Polizei steht vermutlich noch da und sagt: „Was war das gerade?“ 90 Sekunden Hochgeschwindigkeits-Kriminalität – und dann verlässt der Täter die Szene wie ein mittelalterlicher Gemüsehändler auf dem Weg zum Wochenmarkt.
Stellen Sie sich das bildlich vor. Der Gabelstapler donnert durch die Schaufensterfront wie ein schlecht gelaunter Bauunternehmer mit Terminproblemen. Schmuck fliegt, Alarm heult, Kameras filmen. Alles wirkt wie eine Szene aus einem Actionfilm.
Cut.
Und jetzt sehen wir: Ein Mann auf einem Esel. Mit Beute. In gemächlichem Tempo. Keine quietschenden Reifen. Kein Rauch. Kein Hubschrauber. Nur: Huf. Huf. Huf.
Ich sage Ihnen: Das ist entweder die dümmste oder die genialste Fluchtstrategie der letzten zehn Jahre.
Vielleicht dachte er: „Niemand wird nach einem Esel suchen.“ Genial. Alle suchen nach schwarzen Vans. Motorrädern. Fluchtwagen. Niemand schaut auf den Parkplatz für landwirtschaftliche Fortbewegungsmittel.
Oder vielleicht war es einfach das Einzige, was noch übrig war.
Aber ich stelle mir die Einsatzbesprechung vor. Polizeizentrale. Alarm geht los.
„Verdächtiger flüchtet in Richtung Süden.“
„Mit welchem Fahrzeug?“
„Äh… einem Esel.“
„Wiederholen.“
„Ein Esel.“
„Ist das ein Codewort?“
„Negativ. Tier. Vier Beine. Lange Ohren.“
In diesem Moment entscheidet sich die Geschichte. Denn Geschwindigkeit ist relativ. Ein Esel ist nicht schnell. Aber er ist zuverlässig. Und vor allem: Er sorgt für Schlagzeilen.
Was mich besonders beeindruckt, ist die Planung. Der Einbruch selbst – effizient. 90 Sekunden. Das ist schneller als viele Menschen brauchen, um einen Kaffee zu bestellen. Rein, raus, erledigt.
Aber dann kommt diese strategische Kehrtwende in Richtung… Entschleunigung.
Vielleicht war es philosophisch. Vielleicht wollte der Täter sagen: „Ich nehme mir Zeit. Auch beim Verbrechen.“ Slow Crime. Nachhaltiger Diebstahl. Bio-zertifizierte Flucht.
Oder vielleicht war es einfach eine sehr schlechte Idee.
Denn das Problem mit Eseln ist nicht ihre Loyalität. Es ist ihre Höchstgeschwindigkeit. Die liegt ungefähr zwischen „gemütlicher Spaziergang“ und „leicht ambitionierter Sonntagsausflug“.
Ich sehe die Szene vor mir. Die Polizei fährt nebenher. Blaulicht an. Fenster runter.
„Steigen Sie bitte ab.“
„Nein.“
„Wir sind schneller.“
„Das sehe ich.“
Das Ganze hat etwas Episches. Fast schon poetisch. Ein moderner Einbruch mit Industriegerät – und eine Flucht wie im 18. Jahrhundert.
Vielleicht war es Symbolik. Gabelstapler steht für Industrialisierung. Esel für Tradition. Eine Art kulturelle Synthese. Oder einfach nur Chaos.
Man muss dem Täter eines lassen: Er hat Mut. Oder Humor. Oder beides. Wer mit einem Esel vom Tatort reitet, weiß entweder etwas, was wir nicht wissen – oder er weiß gar nichts mehr.
Und stellen wir uns die Versicherungsakte vor:
Tatmittel: Gabelstapler.
Fluchtmittel: Esel.
Das klingt wie ein schlecht ausgedachtes Quizspiel. „Nennen Sie zwei Dinge, die nicht zusammenpassen.“ Antwort: Hochgeschwindigkeits-Einbruch und landwirtschaftliches Packtier.
Aber ich sage: Das ist der Stoff, aus dem Legenden gemacht sind. Nicht wegen der Professionalität. Sondern wegen der Absurdität.
Denn die moderne Welt ist kompliziert. Cybercrime. Hightech. Krypto. Aber manchmal reicht ein Gabelstapler – und ein Esel.
Die Polizei hatte vermutlich keinen großen Stress bei der Verfolgung. Kein waghalsiges Manöver. Kein Drift um die Ecke. Sondern eher ein höfliches Aufholen.
Vielleicht war das sogar der Plan: Aufmerksamkeit maximieren. Geschwindigkeit minimieren. Schlagzeilen sichern.
Und das ist ihm gelungen.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Man kann in 90 Sekunden alles gewinnen – und in fünf Minuten alles verlieren. Vor allem, wenn man auf einem Tier flüchtet, das traditionell für Geduld steht.
Ich, Ronald Tramp, ziehe meinen imaginären Hut. Nicht vor dem Verbrechen – sondern vor der Kreativität. Und vielleicht auch ein kleines bisschen vor der Gelassenheit eines Esels, der sich denkt: „Ich trage hier gerade Juwelen. Und keiner hat es eilig.“


