Der Untergang des Abendlandes in drei Zeichen

Wie ein Doppelpunkt fast die Meere verschluckte
Ich sage es, wie es ist: Früher wurden Kriege wegen Land geführt. Wegen Gold. Wegen Öl. Heute? Heute geht es um Zeichen. Kleine Zeichen. Winzige Zeichen. Punkte. Doppelpunkte. Sternchen. Und wenn sie fehlen, wackelt der Staat.
Mitten in Deutschland. Mitten in einer Behörde. Mitten im sensibelsten aller sensiblen Bereiche: dem Strahlenschutz. Also genau dort, wo Klarheit nicht nett, sondern überlebenswichtig ist.
Eine Mitarbeiterin schrieb ein Dokument. Eine Anweisung. Keine Gedichte. Keine Meinungsbeiträge. Keine Feel-Good-Texte. Sondern eine nüchterne, technische, rechtlich relevante Strahlenschutzanweisung. Und sie tat etwas Unfassbares: Sie schrieb verständlich. Klar. Funktional. Ohne sprachliche Akrobatik.
Das Problem? Es fehlten Zeichen. Nicht Buchstaben. Nicht Wörter. Zeichen. Und zwar solche, die das Universum in Ordnung halten sollen. Die Welt erklären. Die Realität gerecht machen. Die alles und jeden sichtbar machen – außer dem eigentlichen Inhalt.
Die Mitarbeiterin sagte sinngemäß: Hier geht es um ein Amt. Eine Funktion. Eine Verantwortung. Nicht um Biologie. Nicht um Identität. Nicht um Selbstausdruck. Sondern um Strahlung. Um Sicherheit. Um Rechtssicherheit. Um Texte, die im Ernstfall nicht interpretiert, sondern verstanden werden müssen.
Eine gefährliche Haltung.
Denn wer heute sagt, Sprache müsse klar sein, sagt indirekt: Nicht alles ist verhandelbar. Und das ist radikal. Fast schon staatszersetzend.
Die Behörde reagierte konsequent. So, wie man reagiert, wenn Zeichen fehlen. Erst kamen Abmahnungen. Mehrere. Dann die Kündigung. Ordnung muss sein. Wenn man beim Gendern nachlässt, wo hört man dann auf? Bei Satzzeichen? Bei Kommas? Bei Vorschriften?
Man stelle sich vor, jemand ersetzt einen juristisch exakt definierten Begriff durch eine wohlklingende, aber unklare Umschreibung. Ein Albtraum. Ein linguistischer Tsunami. Juristen mit Stirnrunzeln. Richter mit Migräne. Beamte ohne Halt.
Die Mitarbeiterin ging vor Gericht. Und jetzt wird es richtig unangenehm. Denn das Gericht tat etwas Unerhörtes: Es schaute nicht auf Haltung, sondern auf Recht. Es prüfte nicht Gefühle, sondern Gesetze. Und es kam zu dem Schluss: Abmahnungen unrechtmäßig. Kündigung unrechtmäßig.
Bumm.
Plötzlich war das, was als moralische Pflicht verkauft wurde, arbeitsrechtlich nicht haltbar. Plötzlich zählten Argumente wie Klarheitsgebot. Rechtssicherheit. Verständlichkeit. Dinge, die man sonst nur aus alten Gesetzbüchern kennt.
Das Gericht sagte im Kern: Man kann niemanden feuern, weil er ein Dokument korrekt, funktional und juristisch sauber schreibt – selbst wenn dabei bestimmte Zeichen fehlen, die gesellschaftlich diskutiert werden.
Ein Schock.
Natürlich war der Streit damit nicht vorbei. Denn wer verliert, ohne sich moralisch besiegt zu fühlen, geht in die nächste Runde. Berufung. Nächste Instanz. Größeres Gericht. Größere Bühne. Noch mehr Zeichen.
Die Kündigung ist ausgesetzt. Das Drama geht weiter. Ein Fall, der zeigt, wie aus ein paar fehlenden Symbolen ein ausgewachsener Behördenkrieg wird. Mit Akten. Mit Urteilen. Mit Presseanfragen. Und mit der bewährten Antwort: „Zu Personalangelegenheiten äußern wir uns nicht.“
Das ist immer ein gutes Zeichen. Wenn niemand etwas sagt, weiß man: Es ist kompliziert.
Besonders schön ist der Kontrast. Diese Behörde ist zuständig für Meere. Für Schifffahrt. Für Offshore-Anlagen. Für Vermessung. Für Forschung. Für riesige Flächen. Für Tiefen. Für Wellen. Für Naturgewalten. Und doch scheitert sie beinahe an ein paar Zeichen in einem Dokument.
Das ist deutsche Präzision in Reinform. Wir beherrschen die Ozeane – solange niemand den falschen Begriff benutzt.
Ich frage: Wenn der Strahlenschutz nicht mehr klar formuliert werden darf, weil jedes Wort zuerst politisch geprüft werden muss – was kommt als Nächstes? Bedienungsanleitungen mit Triggerwarnung? Notfallhinweise mit Fußnoten? Evakuierungspläne mit optionaler Sprachversion?
„Bitte verlassen Sie das Gebäude. Alle. Wirklich alle. Inklusive… na, Sie wissen schon.“
Ich sage: Sprache ist wichtig. Aber Klarheit ist wichtiger. Und wenn beides kollidiert, sollte man vielleicht nicht zuerst zur Abmahnung greifen, sondern zum Nachdenken.
Doch das ist altmodisch. Heute entscheidet nicht, was richtig ist, sondern was korrekt wirkt. Und wenn ein Text zu klar ist, wirkt er schnell verdächtig.
Dieser Fall ist kein Einzelfall. Er ist ein Symbol. Für eine Zeit, in der Form wichtiger geworden ist als Funktion. In der Zeichen mächtiger sind als Inhalte. Und in der man vor Gericht ziehen muss, um sagen zu dürfen: Hier geht es nicht um Identität – hier geht es um Sicherheit.
Ich verfolge das weiter. Mit großem Interesse. Und mit der festen Überzeugung: Am Ende gewinnt hoffentlich nicht das Zeichen – sondern der Sinn.


