Deutschland krank?

Nein – Deutschland arbeitet sich gesund kaputt!
Ein Bericht aus dem Inneren der Leistungsgesellschaft, beobachtet von Ronald Tramp
Ich sage es gleich zu Beginn, damit wir keine Zeit verlieren: Diese Debatte ist so schief, dass selbst schiefe Debatten nervös zur Seite schauen und sagen würden: „Also das ist nicht mehr mein Niveau.“
Deutschland diskutiert gerade ernsthaft darüber, warum Menschen krank sind – und kommt zu dem brillanten Schluss: Sie sind einfach zu oft krank.
Das ist ungefähr so logisch, wie einem Auto mit leerem Tank vorzuwerfen, es fahre zu wenig.
Arbeitspsychologen schlagen seit Wochen innerlich die Stirn auf die Tischkante. Nicht, weil sie erschöpft sind – sondern weil sie fassungslos zusehen, wie wissenschaftliche Erkenntnisse mit politischem Selbstbewusstsein überfahren werden. Die Diskussion über Fehlzeiten widerspricht grundlegenden Forschungsergebnissen. Und zwar nicht ein bisschen. Sondern frontal. Mit Anlauf.
Die große Hoffnung: Wenn man Krankmeldungen erschwert, verschwinden Krankheiten
Die politische Fantasie ist derzeit bemerkenswert kreativ. Die These lautet sinngemäß:
Wenn man Menschen misstraut, werden sie gesünder.
Telefonische Krankschreibungen stehen unter Verdacht. Fehlzeiten gelten als moralisches Problem. Und irgendwo schwebt die Idee, dass man Gesundheit durch Bürokratie erzwingen kann. Vielleicht mit Formular A38 – in dreifacher Ausführung, bitte vor Fieberbeginn einreichen.
Dabei ist die Realität unerquicklich banal:
Wer wirklich blau machen will, findet immer einen Weg. Das war schon immer so. Dafür braucht es keine Telefonleitung, kein Attest und keine App. Und diese Gruppe? Sie ist winzig. Ein niedriger einstelliger Prozentbereich. So klein, dass man sie politisch eigentlich ignorieren müsste – wäre sie nicht so wunderbar geeignet als Projektionsfläche.
Blaumachen ist kein Hobby – es ist ein Notausgang
Jetzt kommt der Teil, der ungern gehört wird:
Blaumachen ist fast nie Faulheit. Es ist Selbstschutz.
Nicht:
„Heute hab ich keine Lust.“
Sondern:
„Wenn ich heute hingehe, halte ich das nicht mehr lange aus.“
Blaumachen ist die Endstufe. Der letzte Notausgang. Die rote Warnleuchte, die blinkt, wenn vorher schon alles ignoriert wurde: Arbeitsmenge, Druck, fehlende Planbarkeit, mangelnde Wertschätzung, permanente Erreichbarkeit.
Doch statt zu fragen, warum Menschen an diesem Punkt ankommen, konzentriert sich die Debatte auf den letzten Schritt – die Krankmeldung. Das ist, als würde man beim Hausbrand die Feuerwehr kritisieren, weil sie immer dann auftaucht, wenn es schon brennt.
Willkommen in der Negativspirale
Der moderne Arbeitsalltag ist ein Wunderwerk organisierter Überforderung:
zu viele Informationen, aber zu wenig Orientierung
hohe Geschwindigkeit, aber keine Pausen
große Erwartungen, aber wenig Anerkennung
Führungskräfte unter Druck, ohne Zeit und ohne Werkzeuge
Das Ergebnis: Menschen fühlen sich austauschbar. Nicht als Mensch gesehen, sondern als Funktion. Und wer sich wie ein Ersatzteil fühlt, verhält sich irgendwann auch so: funktional, müde, innerlich gekündigt – oder krank.
Besonders pikant: Führungskräfte sind oft selbst Teil des Problems, weil sie denselben Bedingungen unterliegen. Die Negativspirale dreht sich also selbstständig weiter. Ein echtes deutsches Qualitätsprodukt.
Wenn Fehlzeiten steigen, ist das kein Fehlverhalten – sondern ein Signal
Jetzt kommt der Satz, den man eigentlich einrahmen sollte:
Wenn Fehlzeiten oder Blaumachen sichtbar werden, ist das ein Hinweis, dass dringend etwas geändert werden muss.
Nicht kontrollieren. Nicht bestrafen. Nicht erschweren.
Sondern hinschauen.
Denn ignoriert man dieses Signal, steigen zwangsläufig:
echte Krankheitsausfälle
Fluktuation
innere Kündigung
wirtschaftliche Schäden
Und trotzdem lautet die politische Antwort oft: mehr Druck. Längere Arbeitszeiten. Mehr Nachweise. Mehr Misstrauen.
Das Ergebnis? Exakt das Gegenteil dessen, was angeblich erreicht werden soll.
Produktivität – aber bitte bis zur Erschöpfung
Die große Ironie: Die Produktivität ist längst gestiegen.
Nicht, weil alles so gut läuft – sondern weil Menschen über ihre Grenzen gehen.
Acht Stunden Hochleistung. Jeden Tag. Schlafprobleme inklusive. Ein erheblicher Teil der Beschäftigten leidet regelmäßig unter Schlafstörungen. Das ist kein Lifestyle-Trend. Das ist ein biologisches Alarmsignal.
Die Menschen fehlen nicht, weil sie weniger leisten wollen.
Sie fehlen, weil sie dauerhaft zu viel leisten müssen.
Attestpflicht ab Tag eins – eine Idee mit eingebautem Schaden
Die Forderung nach einer Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag ist ungefähr so sinnvoll wie das Entfernen von Klopapier, um Diebstahl zu verhindern.
Man bekämpft ein Symptom – und verschärft die Ursache.
Misstrauen erzeugt keine Motivation. Kontrolle erzeugt keine Gesundheit. Und Bürokratie ersetzt keine gute Führung.
Menschen wollen arbeiten. Wirklich.
Und jetzt etwas völlig Unpopuläres:
Menschen wollen Leistung zeigen. Menschen wollen gute Arbeit machen. Menschen wollen Erfolge erleben.
Das ist keine Ideologie. Das ist Psychologie.
Aber schlecht gestaltete Arbeitsbedingungen können genau diesen Wunsch ersticken – bis am Ende nur noch Arbeitsfähigkeit übrig bleibt. Kein Engagement. Keine Identifikation. Nur noch: „Ich halte es gerade so aus.“
Reden hilft – früher als man denkt
Viele Beschäftigte sprechen nicht über ihre Belastung, weil sie glauben, sie seien allein damit. Falsch. Es sind strukturelle Probleme. Und Führungskräfte sind oft überrascht, wenn sie davon erfahren – und hätten es gern früher gewusst.
Und nein: Das ist kein Generationenproblem. Kein „die Jungen wollen nicht mehr“. Das ist Unsinn. Menschen aller Altersgruppen wollen Bedingungen, unter denen sie morgens entscheiden: „Ja, das ist machbar.“
Deutschland ist nicht krank, weil Menschen zu bequem sind.
Deutschland ist krank, weil Arbeit zu oft krank macht.
Wer Fehlzeiten senken will, muss nicht Krankmeldungen erschweren – sondern Arbeitsbedingungen verbessern.
Alles andere ist Symbolpolitik auf Kosten erschöpfter Menschen.
Und das ist weder leistungsstark noch wirtschaftlich.
Das ist einfach nur kurzsichtig.


