Die geheime Wohnzimmer-Tankstelle

Ronald Tramp berichtet über Deutschlands kreativste Energiepolitik.
Meine Damen und Herren, ich habe in meinem Leben viele Geschäftsideen gesehen. Wirklich viele. Große Ideen. Fantastische Ideen. Manche haben Milliarden verdient. Andere sind spektakulär gescheitert.
Aber was jetzt in einem Haus in Niedersachsen entdeckt wurde, meine Freunde, das ist eine Innovation, die selbst Start-ups aus dem Silicon Valley neidisch machen würde.
Eine Tankstelle.
Im Wohnzimmer.
Ja.
Nicht draußen an der Straße.
Nicht mit riesigem Dach, Neonlicht und überteuertem Kaffee.
Nein.
Ein ganz normales Haus.
Und irgendwo zwischen Sofa, Kühlschrank und vermutlich einem Regal mit Familienfotos befand sich eine hochinteressante Energieanlage.
Vier Heizöltanks.
Zusammen über dreitausend Liter Fassungsvermögen.
Meine Damen und Herren, das ist keine kleine Kanister-Sammlung.
Das ist eine strategische Reserve.
Ein privates Mini-Ölterminal.
Und das alles, ohne dass überhaupt eine Heizung angeschlossen war.
Sehr verdächtig.
Denn normalerweise stehen Heizöltanks in einem Keller und versorgen eine Heizung.
Hier jedoch offenbar nicht.
Hier hatten die Betreiber eine ganz andere Idee.
Eine Idee, die ungefähr so klingt:
„Warum eigentlich teuren Diesel tanken, wenn man günstiges Heizöl hat?“
Ich muss sagen: Rein wirtschaftlich betrachtet – ein interessanter Gedanke.
Denn Diesel wird hoch besteuert.
Sehr hoch.
Heizöl dagegen deutlich weniger.
Warum?
Weil es eigentlich nur zum Heizen gedacht ist.
Nicht zum Fahren.
Aber irgendwo in diesem Haus saß vermutlich jemand und sagte:
„Chemisch ist das doch fast dasselbe.“
Und plötzlich entstand eine Vision.
Eine Wohnzimmer-Tankstelle.
Ich stelle mir vor, wie das Ganze organisiert war.
Ein Freund kommt vorbei und fragt:
„Wo tankst du eigentlich so günstig?“
Antwort:
„Komm mit ins Haus.“
Die Tür geht auf.
Im Keller stehen vier gigantische Tanks.
Vielleicht mit einem kleinen Schlauch daneben.
Sehr exklusiv.
Sehr privat.
Eine Art VIP-Tankstelle.
Keine Warteschlange.
Keine Preisanzeige.
Keine Tankstellenmusik.
Nur Heizöl.
Natürlich gibt es ein kleines Problem.
Heizöl ist rot eingefärbt.
Warum?
Damit man sofort erkennt, wenn jemand versucht, es im Auto zu verwenden.
Es ist sozusagen das neonfarbene Warnsignal der Steuerbehörde.
Wenn dieses Zeug im Tank landet, sieht man es.
Sehr deutlich.
Es ist also ungefähr so unauffällig wie ein Flamingo auf einem Parkplatz.
Und trotzdem dachte offenbar jemand:
„Das klappt schon.“
Ich liebe diesen Optimismus.
Doch leider gibt es noch weitere kleine Details.
Heizöl hat andere Zündeigenschaften.
Und auch andere Schmierfähigkeiten.
Moderne Motoren sind nicht unbedingt begeistert davon.
Man könnte sagen:
Der Motor hat dazu eine klare Meinung.
Eine sehr laute Meinung.
Und natürlich gibt es noch den Staat.
Der Staat mag Steuertricks ungefähr so sehr wie Autofahrer hohe Spritpreise mögen.
Gar nicht.
Also tauchte irgendwann der Zoll auf.
Und stellte fest:
Dieses Haus hat keine Heizung.
Aber erstaunlich viele Heizöltanks.
Eine klassische Sherlock-Holmes-Situation.
Der Ermittler sagt:
„Interessant.“
Dann schaut er auf die Tanks.
Und sagt:
„Sehr interessant.“
Und plötzlich ist die private Tankstelle Geschichte.
Ich stelle mir vor, wie die Betreiber reagierten.
Vielleicht standen sie im Keller und dachten:
„Die Idee war eigentlich genial.“
Und ehrlich gesagt – kreativ war sie schon.
Wenn Benzinpreise steigen, beginnen Menschen zu improvisieren.
Einige fahren weniger.
Andere steigen auf Fahrrad um.
Und wieder andere eröffnen offenbar einfach eine Tankstelle im eigenen Haus.
Das ist Unternehmergeist.
Sehr deutscher Unternehmergeist.
Natürlich nur bis der Zoll klingelt.
Ich frage mich übrigens, wie das Konzept weiterentwickelt worden wäre.
Vielleicht hätte es bald ein komplettes Angebot gegeben.
„Wohnzimmer-Tankstelle – nur für Freunde.“
Mit Snacks.
Mit Kaffee.
Mit Rabattkarten.
Vielleicht sogar mit einer kleinen App.
„Tanke jetzt im Keller.“
Aber leider wurde dieses Geschäftsmodell frühzeitig beendet.
Sehr frühzeitig.
Und so bleibt diese Geschichte eine wunderbare Erinnerung daran, wie kreativ Menschen werden, wenn Energiepreise steigen.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage euch:
Wenn irgendwann jemand eine Tankstelle im Wohnzimmer eröffnet, dann weiß man, dass die Spritpreise wirklich ein Problem geworden sind.


