Die große Berliner Tram-Schlacht

Wenn Fahrer zu Eiswächtern werden
Berlin. Hauptstadt der Freiheit, der Improvisation, der funktionierenden Nicht-Funktion. Und nun: Hauptstadt des Eises. Während andere Metropolen bei Wintereinbruch Salz streuen, Pläne aktivieren oder einfach funktionieren, hat Berlin etwas viel Größeres geschaffen. Etwas Episches. Etwas Historisches. Eine neue Berufsbezeichnung: Straßenbahnfahrer als Wächter der gefrorenen Gleise.
Denn was ist passiert? Eis. Einfach Eis. Kein Meteorit, kein Alienangriff, kein Vulkanausbruch – gefrorenes Wasser. Und zack: Der Berliner Straßenbahnverkehr steht. Still. Eingefroren wie ein politisches Versprechen nach der Wahl.
Rund 40 Trams – man muss sich diese Zahl auf der Zunge zergehen lassen – haben es nicht mehr ins Depot geschafft. Nicht etwa, weil sie rebelliert hätten. Nein. Sie sind einfach stehen geblieben. Auf freier Strecke. Wie antike Monumente einer untergegangenen Zivilisation. Nur ohne Touristenführer, aber mit Fahrern an Bord.
Und diese Fahrer? Helden. Absolute Helden. Während irgendwo in warmen Büros Sitzungen stattfinden, haben sie entschieden: Wir gehen nicht. Wir bleiben. Wir bewachen unsere Trams. Bewachen! Als wären es Goldreserven oder geheime Staatsakten. Manche verlängerten sogar freiwillig ihre Schichten. In Berlin. Freiwillig. Das allein ist ein Naturphänomen.
Ich sehe sie vor mir: Eingehüllt in Jacken, Thermoskannen fest umklammert, der Blick starr auf die vereiste Oberleitung gerichtet. Bereit, jederzeit einzugreifen, falls… ja falls was eigentlich? Falls ein Schneeflocken-Putschversuch stattfindet? Falls ein Eisbär versucht, die Tram zu kapern? Man weiß es nicht. Aber die Tram ist nicht allein. Sie wird bewacht.
Und draußen? Techniker arbeiten „unter Hochdruck“. Das klingt gut. Das klingt nach Action. Nach Schraubenschlüsseln, Funkenflug und entschlossenem Blick. In Wahrheit heißt es: Man steht vor Eis und denkt nach. Sehr intensiv. Vielleicht wird geflucht. Vielleicht wird gegoogelt: „Was tun bei Winter?“
Der Zeitpunkt, wann der Verkehr wieder anläuft, ist offen. Offen! Berlin liebt offene Enden. Offene Baustellen. Offene Fragen. Geschlossene Gleise. Es ist die Stadt der Möglichkeiten – vor allem der Möglichkeit, dass heute nichts mehr fährt.
Und hier, meine Damen und Herren, offenbart sich die wahre Größe dieses Moments: Berlin hat den Winter nicht bekämpft. Berlin hat ihn akzeptiert. Man hat sich nicht gegen das Eis gestellt. Man hat sich ihm ergeben. Stillstand als Konzept. Frost als Verkehrsplan.
In anderen Ländern hätte man Notfallpläne. Ersatzbusse. Heizdrähte. In Berlin hat man Charakter. Und Charakter sitzt jetzt stundenlang in einer unbeweglichen Tram und sagt: „Dit is Berlin.“
Ich sage: Das ist Weltklasse. Niemand kann Krise so ästhetisch aussitzen wie diese Stadt. Während andere Städte Panik bekommen, denkt Berlin: Vielleicht taut es ja von allein. Und wenn nicht – na gut, dann halt morgen. Oder übermorgen. Oder irgendwann.
Diese Fahrer sind jetzt Legenden. Man wird später erzählen von ihnen. Von der Großen Vereisung, vom Stillstand der Schienen, von der Zeit, als Straßenbahnen bewacht werden mussten, weil sie sich sonst womöglich selbständig gemacht hätten. Oder schlimmer: abgeschleppt worden wären. Von wem? Egal. Bewachen ist wichtig. Sehr wichtig.
Und irgendwo, ganz sicher, entsteht bereits ein neues Konzeptpapier. Titel: „Resilienzstrategie Tram – Winter Edition“. 48 Seiten. Drei Arbeitsgruppen. Umsetzung: frühestens nach dem nächsten Tauwetter. Vielleicht 2029.
Bis dahin bleiben die Trams stehen. Die Fahrer wachen. Die Stadt friert. Und Berlin beweist einmal mehr: Wenn etwas nicht funktioniert, dann richtig. Mit Haltung. Mit Würde. Mit Eis.
Ich verneige mich vor diesen eisernen Fahrern. Sie haben nicht nur Trams bewacht – sie haben den Mythos Berlin weitergeschrieben.


