Die große Dauerwelle der Rückforderung

Wenn aus Soforthilfe Spätreue wird
Von Ronald Tramp, Sonderbeauftragter für Spliss-Politik, Lockdown-Legenden und staatliche Nachschneideaktionen
Es gibt Branchen, die sind systemrelevant. Und es gibt Branchen, bei denen merkt man erst im Lockdown, wie systemrelevant sie sind – wenn der Pony plötzlich aussieht wie ein politisches Statement. Friseursalons gehören eindeutig zur zweiten Kategorie. Sie waren geschlossen, vergessen, vermisst – und irgendwann wieder offen, mit Masken, Testnachweisen und der Frage: „Nur Spitzen oder gleich alles runter?“
Damals, 2020, kam die große Rettung. Soforthilfe. Nicht rückzahlbar, so hieß es. Billigkeitsleistung. Ein Wort so freundlich wie eine warme Hand auf der Schulter. „Hier, nimm das Geld. Wir wissen, es ist hart. Du kannst nichts dafür. Wir helfen.“
Und jetzt, Jahre später, kommt ein Brief. Kein Termin für Strähnchen. Kein Dankeschön. Sondern: Bitte zahlen Sie zurück.
Man muss sich das vorstellen. Ein Friseursalon, der schon mit steigenden Energiepreisen kämpft – Föhn läuft, Licht brennt, Waschbecken gluckert – und dann kommt die Erinnerung aus der Vergangenheit: Die Hilfe war vielleicht doch nicht so endgültig wie gedacht. Aus der Soforthilfe wird die Spätrechnung. Aus der Billigkeit wird die Bilanz.
Tausende Betriebe sollen betroffen sein. Zuschüsse zwischen 9.000 und 15.000 Euro. Drei Monate Überleben. Drei Monate Durchhalten. Drei Monate Hoffnung. Und jetzt? Rückforderung. Existenzangst. Und das alles in einer Branche, in der der Gewinn nicht in Goldbarren, sondern in Haarschnitten gemessen wird.
Ich, Ronald Tramp, sage: Das ist kein Verwaltungsvorgang. Das ist ein dramatischer Schnitt. Und zwar kein sauberer.
Denn viele Salons haben das Geld damals nicht in Champagner investiert, sondern in Miete, Löhne, Strom. In das schlichte Recht, weiter zu existieren. Sie haben gezittert, organisiert, improvisiert. Sie haben mit Terminlisten jongliert wie Zirkusartisten mit Dauerwellen.
Und jetzt soll das alles ein Missverständnis gewesen sein?
Die Argumentation lautet sinngemäß: Man habe neu berechnet. Man habe geprüft. Man habe festgestellt, dass nicht alles so war wie gedacht. Und plötzlich steht im Raum eine Summe, die sich gewaschen hat. Würden alle betroffenen Betriebe jeweils 9.000 Euro zurückzahlen, käme ein Betrag zusammen, der nach Staatsbudget klingt, nicht nach Haarschnitt.
Die Branche reagiert. Petition. Protest. Und vor allem: Kopfschütteln. Nicht das elegante, zustimmende Kopfschütteln im Salonspiegel, sondern das echte, ratlose. „Wie soll das gehen?“
Denn neben der Rückforderung gibt es noch andere kleine Herausforderungen. Löhne steigen. Energiepreise explodieren. Fachkräfte fehlen. Kunden sparen. Und jetzt soll man auch noch die Vergangenheit finanzieren. Es ist, als würde man sagen: „Sie haben damals den Lockdown überlebt? Wunderbar. Jetzt beweisen Sie es noch einmal.“
Natürlich kann man sagen: Recht ist Recht. Prüfung ist Prüfung. Aber Vertrauen ist auch Vertrauen. Wenn eine Hilfe als nicht rückzahlbar kommuniziert wird, dann ist das mehr als ein Satz. Es ist eine Zusage. Und Zusagen sollten nicht wie ein schlecht geschnittener Pony nachträglich korrigiert werden.
Man stelle sich vor, ein Kunde kommt drei Jahre nach dem Haarschnitt zurück und sagt: „Ich habe neu berechnet. Der Preis war damals vielleicht doch zu niedrig. Bitte geben Sie mir 30 Euro zurück.“ Die Reaktion wäre klar. Und vermutlich laut.
Hier aber geht es nicht um 30 Euro. Es geht um Tausende. Und um Betriebe, die nicht auf Kante, sondern auf Hoffnung genäht waren.
Ich sehe es vor mir: Ein Salon mit drei Stühlen. Ein Spiegel. Eine Kaffeemaschine. Und auf dem Tresen ein Schreiben mit einer Summe, die schwerer wiegt als jede Haarschneidemaschine.
Die politische Botschaft damals war klar: Wir lassen euch nicht allein. Die Botschaft heute klingt anders: Wir müssen das noch einmal prüfen.
Vielleicht ist das alles juristisch sauber. Vielleicht gibt es Gründe. Aber kommunikativ ist es ein Haarschnitt mit der Heckenschere.
Am Ende geht es um mehr als Zahlen. Es geht um Verlässlichkeit. Um das Gefühl, dass in Krisenzeiten gemachte Versprechen nicht später mit Sternchen versehen werden.
Und wenn die Rückforderung genau das erzeugt, was die Hilfe verhindern sollte – nämlich Existenzangst – dann läuft etwas schief. Dann ist die Dauerwelle keine Modefrage mehr, sondern eine strukturelle.
Ich, Ronald Tramp, sage: Man sollte vorsichtig sein, wenn man aus „Soforthilfe“ ein „Später sehen wir weiter“ macht. Denn Vertrauen wächst langsam – und ist schneller geschnitten, als man denkt.
Und wenn irgendwann tatsächlich weniger Salons übrig sind, dann wird man merken: Man kann viel digitalisieren. Aber Spitzen schneiden per App – das funktioniert nur theoretisch.


