Die grosse Divisions-Revolution

Wie Niedersachsen das Teilen abschafft – und Mathe endlich einfacher als die Realität macht
Von Ronald Tramp, einzig anerkannter Experte für große Zahlen, kleine Ansprüche und politische Rechenkunst
Ich sage es, wie es ist: Das ist die größte mathematische Innovation seit der Erfindung des Taschenrechners – nur ohne Rechnen. Niedersachsen hat es geschafft. Wirklich beeindruckend. Während andere Länder ihre Schüler fit für Raumfahrt, KI und komplizierte Probleme machen, sagt man hier: Division? Schwierig. Lassen wir das.
Ab dem Schuljahr 2026/2027 sollen Grundschüler in Niedersachsen kein schriftliches Dividieren mehr lernen. Weg. Ausradiert. Geteilt durch null. Die zuständige Kultusministerin Julia Willie Hamburg erklärt sinngemäß: Das braucht man nicht mehr. Zu kompliziert. Zu anstrengend. Zu… mathematisch.
Stattdessen kommt die halbschriftliche Methode. Das klingt schon wie eine halbe Lösung für ein ganzes Problem. Große Zahlen werden in kleine Häppchen zerlegt, ein bisschen gerechnet, ein bisschen addiert – fertig. Das ist nicht Dividieren. Das ist pädagogisches Fingerfood. Leicht verdaulich, aber am Ende ist man trotzdem nicht satt.
Natürlich heißt es offiziell, das solle Kindern helfen, besser mit Zahlen umzugehen. Ein wunderbarer Satz. „Besser umgehen“. Ich gehe auch besser mit Regen um, wenn ich nicht rausgehe. Aber das bedeutet nicht, dass ich gelernt habe, im Regen zu laufen.
Kritiker schlagen Alarm. Und zwar nicht leise. Deutscher Lehrerverband-Präsident Stefan Düll warnt: Schriftliches Dividieren ist wichtig. Sehr wichtig. Es trainiert Struktur, Logik, Ausdauer. Alles Dinge, die man später im Leben gut gebrauchen kann – zum Beispiel beim Lesen von Koalitionsverträgen oder Bahnfahrplänen.
Düll sagt: In der weiterführenden Schule kommt das schriftliche Dividieren sowieso wieder. Das ist großartig. Das ist Bildungspolitik nach dem Motto: Jetzt nicht – später dann irgendwie. Kinder lernen also erst, dass man etwas nicht können muss, und später wird man dafür benotet. Das nennt man Spannungskurve.
Auch Deutscher Philologenverband ist entsetzt. Die Vorsitzende Susanne Lin-Klitzing spricht von einem verflachenden Denken. Und ich sage: Sie hat recht. Schriftliches Dividieren ist das komplexeste der vier Grundrechenarten. Genau deshalb ist es wichtig. Das Leben ist schließlich auch komplex. Niemand sagt: Ach, das ist schwierig, lassen wir das.
Beim schriftlichen Dividieren lernen Kinder Ordnung. Sie schreiben sauber untereinander. Sie wenden Kopfrechnen, Multiplizieren und Subtrahieren an. Das ist wie ein Fitnessstudio fürs Gehirn. Niedersachsen sagt jetzt: Fitnessstudio? Zu anstrengend. Wir machen Spaziergang.
Und dann kommt ein Satz, der wirklich wehtut: Leistungsstarke Schüler werden vorsätzlich um Kompetenzerlebnisse gebracht. Übersetzt heißt das: Wer gut ist, wird gebremst. Wer schnell denkt, soll langsamer denken. Gleichheit durch Absenkung. Das ist keine Bildung. Das ist mathematische Gleichmacherei.
Natürlich meldet sich auch die Politik. CDU-Landeschef Sebastian Lechner sagt: Das geht gar nicht. Die Ansprüche werden gesenkt, die Zukunft der Kinder gefährdet. Ein harter Vorwurf. Aber ehrlich gesagt: Wenn Kinder nicht mehr lernen, wie man teilt, wird später vieles schwierig. Gehälter. Rechnungen. Wahlversprechen.
Doch halt! Es gibt auch Lob. Immer gibt es Lob. Susanne Prediger, Professorin für Mathedidaktik, findet das alles ganz wunderbar. Der Lehrplan werde „entschlackt“. Ein schönes Wort. Entschlackt. Wie eine Diät. Man nimmt etwas weg und hofft, dass am Ende etwas Besseres herauskommt.
Mehr Zeit für Grundlagen, sagt sie. Ich frage: Was ist grundlegender als Dividieren? Teilen ist eine der ältesten Fähigkeiten der Menschheit. Schon in der Steinzeit wusste man: Ein Mammut, viele Jäger – irgendwer muss rechnen. Heute sagt Niedersachsen: Nein, wir addieren das später zusammen.
Das Problem ist nicht die halbschriftliche Methode. Die kann sinnvoll sein. Das Problem ist, dass man den Kindern eine Methode wegnimmt, statt ihnen mehrere zu geben. Mathematik lebt von Vielfalt. Nicht von Vereinfachung bis zur Unkenntlichkeit.
Ich sage: Wenn man anfängt, schwierige Dinge zu streichen, weil sie schwierig sind, dann bleibt am Ende nur noch sehr wenig übrig. Vielleicht bald ohne Bruchrechnung. Ohne Textaufgaben. Ohne Ergebnisse.
Aber eines ist sicher:
Geteilt wird in Niedersachsen künftig vor allem eines – die Meinung.


