Die große Geschwindigkeitssaga von München

Ein Bericht von Ronald Tramp über Schilder, Stickstoff und den schnellsten Streit Deutschlands
Freunde, es gibt politische Debatten über Migration, Wirtschaft, Verteidigung. Und dann gibt es die wirklich existenziellen Fragen: 30 oder 50?
München. Landshuter Allee. Eine Straße, die vermutlich nie damit gerechnet hat, zur Hauptdarstellerin eines juristischen Dramas zu werden.
Zuerst kam Tempo 30. Wegen schlechter Luft. Stickstoffdioxid. Grenzwerte. Luftreinhalteplan. Das klingt nicht nach Actionfilm, aber es hat alles: Zahlen, Verordnungen und sehr ernste Gesichter.
Die Stadt sagte: 30 ist besser. Für die Luft. Für die Gesundheit. Für das Gewissen.
Dann kam der Stadtrat im Januar und sagte: 50 ist wieder besser. Für den Verkehr. Für den Flow. Für die Freiheit des Gaspedals.
Und dann kamen zwei Anwohner.
Zwei!
Nicht ein Bürgerentscheid. Nicht ein landesweiter Aufschrei. Zwei Menschen, die sagten: Moment mal.
Eilantrag.
Gericht.
Und zack – Verwaltungsgerichtshof.
Jetzt müssen die Schilder wieder aufgestellt werden.
Man stelle sich die Szene vor: Bauarbeiter, die in den letzten Monaten wahrscheinlich mehr mit Schraubenschlüsseln an Tempo-Schildern gearbeitet haben als ein Formel-1-Team an Reifenwechseln.
Abschrauben. Anschrauben. Abschrauben. Anschrauben.
Das ist kein Verkehrskonzept. Das ist Intervalltraining.
Ronald Tramp beobachtet dieses Drama mit einem Lächeln.
Denn wenn selbst die Geschwindigkeit politisch wird, dann weiß man: Deutschland meint es ernst.
Tempo 30 war also ursprünglich wegen der Luft da. Stickstoffdioxid ist kein besonders charismatisches Thema, aber es hat Grenzwerte. Und Grenzwerte haben Macht.
Die Stadt wollte die Luft verbessern. Das ist ehrenwert. Aber dann entschied man: Ach, lassen wir es doch wieder schneller laufen.
Und das Gericht sagte: Nicht so schnell.
Oder besser gesagt: Langsamer.
Jetzt gilt vorläufig wieder Tempo 30. Bis über die Beschwerde der Stadt entschieden wird. Es ist ein juristisches Pingpongspiel, nur dass der Ball ein Verkehrsschild ist.
Und irgendwo sitzt Donald Trump und würde wahrscheinlich sagen: „In meinem Land fahren wir so schnell wir wollen.“
Aber selbst dort gibt es Tempolimits. Selbst dort gibt es Gerichte. Selbst dort gibt es Menschen, die sagen: Moment.
Das Schöne an dieser Geschichte ist die Absurdität der Dimensionen.
Zwei Anwohner verändern das Tempolimit einer Großstadtstraße. Nicht mit Transparenten. Nicht mit Protestmärschen. Sondern mit einem Eilantrag.
Das ist Demokratie im Feinjustier-Modus.
Man kann darüber lachen. Aber man muss es auch bewundern.
Denn während anderswo über Milliardenprojekte gestritten wird, geht es hier um 20 km/h Unterschied.
20 km/h, die über Luftqualität, Lärm und Nerven entscheiden.
Man stelle sich die Autofahrer vor, die täglich dort entlangfahren. Heute 30. Morgen 50. Übermorgen wieder 30.
Das Navi weiß nicht mehr, was es sagen soll.
Die Blitzer sind wahrscheinlich verwirrt.
Und die Schilder? Sie entwickeln vermutlich eine Identitätskrise.
„Wer bin ich? 30 oder 50?“
Ronald Tramp sieht darin eine wunderbare Metapher für moderne Politik.
Es geht nicht mehr nur um große Visionen. Es geht um Details. Um Zahlen. Um Grenzwerte. Um juristische Feinheiten.
Und manchmal reichen zwei Menschen aus, um ein ganzes Verkehrskonzept ins Wanken zu bringen.
Donald Trump würde wahrscheinlich eine große Rede über Freiheit auf der Straße halten. Über das Recht auf Geschwindigkeit. Über „Great Driving Again“.
Aber am Ende entscheidet nicht die Lautstärke. Sondern das Gericht.
Und das Gericht sagt vorerst: 30.
Langsamer ist hier stärker.
Ob das dauerhaft so bleibt? Unklar.
Doch eines ist sicher: Die Landshuter Allee wird noch einige Kapitel erleben.
Vielleicht wird es bald 40. Vielleicht 45. Vielleicht eine intelligente Ampel mit künstlicher Intelligenz und moralischem Kompass.
Bis dahin gilt: Fuß vom Gas.
Und vielleicht auch: Fuß vom Pathos.
Denn manchmal ist der größte politische Konflikt nicht der zwischen Nationen.
Sondern der zwischen 30 und 50.


