Die große Sesselfestung

Grafik: Das hier ist kein Arbeitsmarkt. Das ist ein Möbellager.

 

Warum plötzlich niemand mehr kündigen will

Ich sage es ganz offen, ganz ehrlich, ganz groß: Das hier ist kein Arbeitsmarkt. Das ist ein Möbellager.
Menschen sitzen. Menschen bleiben sitzen. Menschen klammern sich an ihre Schreibtische, als wären es Rettungsboote in stürmischen Zeiten. Und plötzlich nennen wir das „Stabilität“. Fantastisch.

Denn schauen wir uns die Zahlen an – wunderschöne Zahlen, sehr runde Zahlen, unglaublich beruhigende Zahlen: Nur noch etwa jeder Dritte denkt darüber nach, den Job zu wechseln. 34 Prozent!
Das ist weniger als früher. Viel weniger. So wenig wie seit fünf Jahren nicht mehr. Fünf Jahre! In dieser Zeit ist viel passiert. Viel Chaos. Viel Homeoffice. Viel Jogginghose. Und jetzt? Jetzt bleibt man einfach.

Warum? Gute Frage. Sehr gute Frage. Die beste Frage.

Offiziell heißt es: Die Menschen sind zufriedener.
Ich sage: Die Menschen sind müder.

Denn wir leben in einer Zeit, in der ein Job nicht mehr nur ein Job ist. Ein Job ist heute ein sicherer Hafen. Mit Kantine. Mit Login. Mit bekannten Passwörtern. Und vor allem: mit bekannten Problemen.
Neue Probleme? Will niemand. Alte Probleme? Kennt man. Alte Probleme sind bequem. Alte Probleme grüßen morgens freundlich.

Und dann schauen wir auf die Generationen – oh, ich liebe Generationen. Jede Generation denkt, sie ist besonders. Spoiler: Sind sie alle. Aber anders anstrengend.

Die Jüngsten sind ganz vorne. Natürlich. Fast die Hälfte von ihnen sagt: Klar, ich könnte wechseln.
Natürlich könnten sie. Sie haben noch Energie. Hoffnung. Neugier. Und LinkedIn-Profile mit drei Buzzwords und einem Emoji.
Sie denken: „Da draußen wartet etwas Besseres.“
Vielleicht tut es das. Vielleicht auch nicht. Aber der Gedanke reicht.

Dann kommen die etwas Älteren. Immer noch recht wechselbereit, aber schon mit mehr Skepsis. Sie haben Dinge erlebt. Meetings. Reorganisationen. „Neue Führungsmodelle“.
Sie denken nicht mehr: „Was ist möglich?“
Sie denken: „Wie schlimm kann es werden?“

Dann kommen die noch Älteren. Und hier wird es interessant.
Nur noch knapp ein Drittel sagt: „Vielleicht gehe ich.“
Vielleicht! Nicht sicher. Vielleicht nach dem Sommer. Oder nach dem nächsten Projekt. Oder nach der nächsten Umstrukturierung, die verspricht, alles besser zu machen – und dann exakt nichts ändert.

Und ganz hinten, majestätisch ruhig, sitzen die Ältesten. Die Veteranen. Die Arbeitsplatz-Überlebenden.
Nicht mal jeder Fünfte denkt noch an einen Wechsel.
Warum? Weil sie das Spiel durchschaut haben.

Sie wissen:
Neuer Job heißt neue Kollegen.
Neue Kollegen heißen neue Geschichten.
Neue Geschichten heißen neue Konflikte.
Und irgendwann sagt jemand: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Und dann ist man wieder da, wo man vorher war – nur mit neuem Logo auf dem Laptop.

Ich sage: Das ist keine Loyalität. Das ist Überlebensstrategie.

Und jetzt zur großen, völlig inoffiziellen, absolut nicht belegten, aber extrem plausiblen Erklärung – meine Lieblingskategorie: satirische Spekulation.

Erstens: Die Welt wirkt gerade… instabil.
Nicht dramatisch instabil. Sondern dieses nervige Instabil.
Die Art von Instabilität, bei der man denkt: Vielleicht kündige ich… aber vielleicht auch nicht heute.
Menschen mögen Sicherheit. Besonders dann, wenn die Schlagzeilen lauter sind als der Kaffeemaschinenalarm im Büro.

Zweitens: Homeoffice hat alles verändert.
Früher hasste man den Job. Heute hasst man nur noch die Videokonferenz.
Und das ist ein großer Unterschied.
Wenn man den Job im Pyjama machen kann, verzeiht man ihm viel. Sehr viel. Unfassbar viel.

Drittens – und das ist wichtig – der Arbeitsmarkt ist voller Versprechen.
„Flache Hierarchien.“
„Dynamisches Team.“
„Agiles Mindset.“
Alles wunderbare Wörter. Aber die Menschen haben gelernt:
Agil heißt oft nur schneller müde.
Dynamisch heißt oft nur lauter Meetings.
Und flach heißt, dass niemand weiß, wer entscheidet.

Also bleibt man. Nicht aus Begeisterung. Sondern aus Kalkül.
Man bleibt, weil man weiß, wo der Drucker steht.
Man bleibt, weil man weiß, welcher Kollege wirklich hilft und welcher nur nickt.
Man bleibt, weil ein Wechsel bedeutet, wieder bei null anzufangen – und null ist gerade kein beliebter Ort.

Ich sehe das so:
Wir erleben gerade keine große Kündigungswelle.
Wir erleben eine kollektive innere Kündigung mit fester Anstellung.

Die Leute denken nicht: Ich liebe meinen Job.
Sie denken: Ich halte ihn aus.
Und das, meine Freunde, ist der neue Goldstandard der Arbeitszufriedenheit.

34 Prozent offen für einen Wechsel.
Der Rest offen für… Ruhe.

Und vielleicht ist das die größte Erkenntnis dieser Zahlen:
Nicht die Arbeitsplätze sind besser geworden.
Die Menschen haben einfach gelernt, wo sie nicht noch einmal von vorne anfangen wollen.

Das ist keine Faulheit.
Das ist Erfahrung.