Die große Vorsatz-Lüge: Wie wir jedes Jahr sportlich scheitern, Obst kaufen und dann das Dopamin gewinnt

Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Der Jahreswechsel ist kein Neuanfang. Er ist ein Marketing-Event. Zwölf Uhr, Feuerwerk, Sekt, Umarmungen – und zack, plötzlich sind wir alle neue Menschen. Disziplinierter. Sportlicher. Sparsamer. Und natürlich essen wir ab morgen mehr Brokkoli. Viel mehr Brokkoli. Berge von Brokkoli. Zumindest theoretisch.
Schon Johann Wolfgang von Goethe wusste: „Gut ist der Vorsatz, aber die Erfüllung ist schwer.“ Ein Satz so zeitlos, dass er auch auf jedem Fitnessstudiovertrag stehen könnte. Und trotzdem machen wir es jedes Jahr wieder. Wir nehmen uns Dinge vor, die wir das ganze Jahr über erfolgreich ignoriert haben – und erwarten plötzlich Wunder, nur weil der Kalender umgeblättert wurde. Großartig.
Die Zahlen sind beeindruckend. Laut Statista wollen 52 Prozent der Deutschen mehr sparen. Die Hälfte will sich gesünder ernähren. 48 Prozent wollen mehr Sport treiben. 37 Prozent Gewicht reduzieren. Das klingt nach einer Nation, die kollektiv beschlossen hat, ab Januar eine Mischung aus Marathonläufer, Finanzberater und Biokoch zu werden. Spoiler: Wird sie nicht.
Die Realität kommt schneller als der Muskelkater. Studien zeigen, dass nur etwa acht Prozent ihre Neujahrsvorsätze langfristig durchziehen. Acht Prozent! Das ist nicht mal eine solide Minderheit. Das ist ein exklusiver Club. Ein VIP-Bereich der Willenskraft. Die restlichen 92 Prozent? Sie haben gute Gründe. Sehr gute Gründe. Zum Beispiel Stress. Zeitmangel. Wetter. Arbeit. Netflix. Leben.
Und jetzt wird es spannend. Denn die Wissenschaft sagt: Ihr seid nicht faul. Ihr seid neurobiologisch korrekt. Unser Gehirn – dieses großartige Organ – liebt Belohnungen. Sofortige. Schnelle. Zuckerhaltige. Die Neurowissenschaftlerin Lieneke Janssen vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften erklärt: Wenn wir Süßigkeiten essen, wird Dopamin ausgeschüttet. Das Gehirn jubelt. „Das war gut! Mach das wieder!“ Und genau da liegt das Problem: Brokkoli jubelt nicht. Joggen jubelt nicht. Sparen jubelt schon gar nicht.
Neue Vorsätze verlangen Kontrolle. Bewusste Entscheidungen. Energie. Das Gehirn hasst das. Es liebt Routinen. Automatismen. Dinge, die ohne Nachdenken laufen. Zähneputzen. Scrollen. Snack greifen. Vorsätze dagegen sind wie ein Update, das das Gehirn nicht installieren will, weil es „später erinnern“ gedrückt hat.
Die Forschung weiß auch: Vage Vorsätze sind praktisch wertlos. „Ich will mehr Sport machen“ ist kein Vorsatz, das ist ein Wunschzettel ans Universum. Der Psychologe Jan Rummel von der Universität Heidelberg sagt: Besser sind konkrete Pläne. Nicht „mehr Sport“, sondern „freitags um 18 Uhr schwimmen“. Klingt logisch. Funktioniert manchmal. Bis Freitag um 17:58 Uhr etwas Unerwartetes passiert. Zum Beispiel ein Sofa.
Auch interessant: Man muss nicht perfekt sein. 80 Prozent reichen. Achtzig! Eine Zahl, die plötzlich sehr sympathisch wirkt. Niemand erwartet hundert Prozent. Außer wir selbst – für ungefähr zwei Wochen. Danach senken wir die Messlatte auf „naja, zumindest habe ich es versucht“.
Ein weiteres Problem: Geduld. Eine neue Gewohnheit braucht Zeit. Laut einer Auswertung von Studien der University of South Australia dauert es zwei bis fünf Monate, bis sich Automatismen bilden. Ernährung kann sogar bis zu elf Monate dauern. Elf! Das ist fast ein ganzes Jahr Brokkoli. Wer hält das durch? Genau. Acht Prozent.
Und dann kommt noch die Tageszeit. Morgens sind wir motiviert. Abends sind wir ehrlich. Morgens denken wir: „Heute kein Zucker.“ Abends sagen wir: „Der Tag war hart.“ Das Gehirn nickt. Dopamin applaudiert.
Natürlich gibt es Tricks. Unterstützung von außen. Freunde. Verabredungen. Vereine. Apps. Menschen, die fragen: „Warst du joggen?“ – eine der unangenehmsten Fragen der modernen Zivilisation. Aber sie hilft. Manchmal. Vor allem, wenn man sich kleine Belohnungen gönnt. Wichtig: Die Belohnung sollte zum Ziel passen. Ein Salat nach dem Sport – okay. Eine Familienpizza – philosophisch diskutabel.
Und dann kommt der radikalste Vorschlag: Manchmal sollte man einfach keine Neujahrsvorsätze machen. Ja. Gar keine. Wenn sie nicht aus einem selbst kommen, sondern aus gesellschaftlichem Druck, Instagram-Bildern oder Fitnessstudio-Neujahrsrabatten – dann haben sie kaum Chancen. Ziele müssen passen. Zum Leben. Zum Alltag. Zur Person. Sonst sind sie nur dekorative Illusionen.
Ronald Tramp sagt: Vielleicht ist der wahre Vorsatz nicht, alles zu ändern – sondern aufzuhören, sich jedes Jahr selbst zu belügen. Veränderung ist kein Feuerwerk. Sie ist eher wie Zahnpflege. Langweilig. Wiederholend. Effektiv. Und wenn es nicht klappt? Dann ist das kein Versagen. Das ist menschlich. Und sehr gesund fürs Gehirn.


