Die längste Limo der Welt

Grafik: Staatskarosse

und der kürzeste Absatz

Freunde, wir müssen reden. Über Größe. Über Gewicht. Über nationale Ehre auf vier Rädern. Und über eine Limousine, die so lang ist, dass man beim Einsteigen einen Zwischenstopp einlegen könnte.

6,60 Meter. 6,5 Tonnen. Startpreis ab 200.000 Euro. Das ist kein Auto. Das ist eine rollende Staatsphilosophie mit Ledersitzen.

Die Rede ist von einer gepanzerten Nobel-Karosse, die einst als rein nationale Antwort auf britische Luxuslegenden präsentiert wurde. Ein „Russen-Rolls“, wie man ihn intern vermutlich nannte. Ein Monument aus Stahl, Stolz und Subvention.

Und Subvention ist hier das Stichwort. 12,4 Milliarden Rubel staatliche Unterstützung. Das sind rund 164 Millionen Euro – für ein Fahrzeug, das so patriotisch sein sollte, dass selbst die Schrauben Nationalhymne summen.

Doch jetzt? Jetzt steht die Produktion offenbar still. Offiziell wegen einer Inventur. Inventur! Das ist das Wort, das man benutzt, wenn im Supermarkt die Joghurts gezählt werden.

„Warum laufen die Bänder nicht?“
„Inventur.“
„Wie lange?“
„Sechs Wochen. Vielleicht länger.“

Ich liebe diese Transparenz.

Russische Blogger spotten bereits. Das ist immer ein gutes Zeichen. Wenn selbst im eigenen Internet gelacht wird, dann weißt du: Der Mythos bekommt Risse.

Dabei war die Geschichte so schön. Seit 2018 dient der „Senat“ – benannt nach einem Kreml-Turm – als Staatskarosse. Ein Auto, das nicht nur fährt, sondern repräsentiert. Ein Symbol. Eine mobile Machtdemonstration.

Und man war so stolz darauf, dass man es sogar verschenkte. Zwei Stück. An einen befreundeten Machthaber. Ein Geschenk unter Autokraten.

Ich stelle mir das Übergabe-Gespräch vor:

„Hier, nimm zwei.“
„Oh, danke.“
„Sie sind rein national produziert.“
„Natürlich.“

Und jetzt kommt der satirische Höhepunkt: Der Beschenkte lässt die Kreml-Kutschen offenbar in der Garage verstauben – und fährt lieber „made in Germany“.

Das ist geopolitischer Luxusgeschmack.

Du bekommst zwei gepanzerte Prestige-Limousinen – und entscheidest dich für den Maybach. Das ist wie ein Staatsbesuch mit kulinarischer Beleidigung.

„Wir haben dir ein Symbol unserer Ingenieurskunst geschenkt!“
„Ja, sehr nett. Ich nehme trotzdem den Mercedes.“

Autsch.

Doch damit nicht genug. Eine Zeitung aus St. Petersburg berichtet von millionenschweren Schulden beim Hersteller. Schulden! Das ist nicht der Glamour-Teil der Broschüre.

Man fragt sich: Ist der Absatz eingebrochen? Oder war die Nachfrage von Anfang an so exklusiv, dass sie nur aus einer Handvoll Staatschefs bestand?

Luxusautos leben von Begehrlichkeit. Von Mythen. Von dem Gefühl, dass sie unerreichbar sind. Aber wenn die Erzählung von der „rein nationalen Produktion“ plötzlich bröckelt, wird es kompliziert.

Denn schon 2018 wurde die Geschichte auseinandergepflückt. Der Motor? Mitentwickelt von Porsche und Bosch. ABS, Klimaanlage, Fahrdynamikregelung? Von Zulieferern mit Stern-Vergangenheit. Der Projektleiter? Zuvor bei einem deutschen Premiumhersteller tätig.

Das ist kein Skandal – das ist Globalisierung auf Rädern.

Aber wenn du jahrelang erzählst, dein Auto sei die pure Essenz nationaler Autonomie – und dann tauchen deutsche Fingerabdrücke im Motorraum auf – dann wirkt das ein bisschen wie ein „Made in… na ja, fast“.

Ich stelle mir die interne Präsentation vor:

„Unser Fahrzeug ist zu 100 Prozent national.“
„Und diese Teile?“
„Internationale Kooperation.“
„Und der Motor?“
„Strategische Freundschaft.“

Großartig.

Das Problem ist nicht, dass man mit internationalen Partnern arbeitet. Das tun alle. Das Problem ist die Diskrepanz zwischen Erzählung und Realität.

Wenn du ein Auto als Symbol souveräner Ingenieurskunst inszenierst – und es dann in Teilen nach Stuttgart riecht – dann wird es kompliziert.

Und jetzt steht die Produktion still. Inventur. Schulden. Blogger-Spott. Ein befreundeter Machthaber, der lieber Mercedes fährt.

Das ist nicht nur eine Absatzkrise. Das ist eine Image-Krise mit Lederpolstern.

Ich sehe die Szene vor mir:

Ein riesiges Werk. Leere Hallen. Eine einsame 6,5-Tonnen-Limousine unter Neonlicht.
„Wo sind die Kunden?“
„Vielleicht bei Mercedes.“

Und doch muss man eines sagen: 6,60 Meter ist beeindruckend. 6,5 Tonnen ist beeindruckend. Aber Größe allein garantiert keinen Erfolg.

Luxus lebt nicht nur von Länge. Sondern von Vertrauen. Von Image. Von Nachfrage.

Wenn dein Prestigeprojekt auf staatlichen Milliarden ruht, aber nicht auf echter Begeisterung – dann ist das Fundament vielleicht etwas… weich.

Vielleicht hätte man weniger in Panzerung und mehr in Markenmythos investieren sollen. Oder in ehrliche Kommunikation. Oder einfach in die Erkenntnis, dass ein Auto nicht nur national, sondern auch attraktiv sein muss.

Am Ende bleibt ein faszinierendes Bild: Eine gepanzerte Limo, die als Symbol der Unabhängigkeit gedacht war – und nun zwischen Inventur, Schulden und deutscher Konkurrenz pendelt.

Ich sage euch: Wenn sogar Autokraten bei der Fahrzeugwahl pragmatisch werden, dann wissen wir – Prestige ist relativ.

Und 6,60 Meter können sich sehr kurz anfühlen.