Die Mutter aller Deals

Grafik: Mutter aller Deals

 

Wie Europa und Indien den größten Handschlag seit der Erfindung des Händedrucks feierten

Es ist passiert. Nach fast zwei Jahrzehnten zäher Gespräche – also ungefähr so lange, wie ein durchschnittlicher EU-Gipfel dauert – haben sich die Europäische Union und Indien auf ein Handelsabkommen geeinigt. Ein Abkommen so groß, so bedeutend, so historisch, dass man es nicht einfach „Deal“ nennt. Nein. Es ist die „Mutter aller Deals“. Und wenn irgendwo auf der Welt jemand „Mutter aller …“ sagt, dann weiß man: Jetzt wird nicht gekleckert, jetzt wird global geklotzt.

Der Mann, der diese Formulierung mit maximaler Ernsthaftigkeit und minimalem Understatement in die Welt gesetzt hat, ist Narendra Modi. Premierminister von Indien, Herr über 1,4 Milliarden Menschen, Freund großer Worte und erklärter Fan davon, historische Momente auch wirklich historisch klingen zu lassen.

Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches: Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin, Hüterin der europäischen Vertragskunst und Meisterin der diplomatischen Mimik, die gleichzeitig Zustimmung, Ernst und „Das prüfen wir noch in Arbeitsgruppe 7b“ ausdrücken kann.

Und was haben diese beiden nun geschaffen? Ein Handelsabkommen, das laut offizieller Lesart ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung abdeckt. Ein Viertel! Stellen Sie sich die Weltwirtschaft als Pizza vor – und Europa und Indien sagen: „Danke, wir nehmen mal eben zwei große Stücke.“

Natürlich ist das Ganze kein Zufall. Nein, nein. Dieses Abkommen ist nicht einfach nur Handel. Es ist Geopolitik mit Lieferschein. Ein strategischer Schritt, um sich wirtschaftlich breiter aufzustellen, sagen sie. Übersetzt heißt das: „Die USA sind gerade ein bisschen… anstrengend.“

Denn wenn die Beziehungen zu Washington frostig werden, dann sucht man sich neue Freunde. Und was ist besser als ein neuer Freund? Ein Freund mit riesigem Markt, vielen Konsumenten und einer gewissen Bereitschaft, nach 20 Jahren Verhandlungen endlich mal „Ja“ zu sagen.

Besonders spektakulär: Indien öffnet seinen bislang stark abgeschotteten Markt weiter für Unternehmen aus der EU. Das ist ungefähr so, als würde jemand, der jahrzehntelang gesagt hat „Ich esse nichts von fremden Tellern“, plötzlich ein europäisches Buffet eröffnen – mit Vorspeise, Hauptgang und regulatorischem Nachtisch.

Für europäische Unternehmen ist das natürlich ein Traum. Endlich Indien! Endlich weniger Zölle, mehr Zugang, mehr Möglichkeiten, mehr Präsentationen mit Pfeilen nach rechts oben. PowerPoint-Abteilungen in ganz Europa haben bereits Freudentränen vergossen.

Und Indien? Indien bekommt Technologie, Investitionen, Arbeitsplätze und das gute Gefühl, auf Augenhöhe mit Europa zu verhandeln. Win-win, sagen alle. Immer ein gutes Zeichen, wenn wirklich alle sagen, dass es ein Win-win ist – dann weiß man: Die Fußnoten sind noch nicht gelesen.

Denn die Details, meine Damen und Herren, die kommen später. Natürlich. Die großen Linien stehen, aber die Feinheiten werden „im Laufe des Tages“ auf einem Gipfel in Neu-Delhi vorgestellt. Im Laufe des Tages! Das ist Diplomaten-Sprech für: „Wir haben uns geeinigt, aber jetzt bitte nicht zu genau nachfragen.“

Doch das macht nichts. Die Symbolik zählt. Die Bilder zählen. Die Schlagzeilen zählen. Europa und Indien, Schulter an Schulter, Hand in Hand, bereit für eine Zukunft voller Container, Lieferketten und gegenseitigem Verständnis für Bürokratie.

Ronald Tramps persönliche Lieblingsszene: Zwei riesige Delegationen, hunderte Berater, tausende Seiten Papier – und am Ende ein gemeinsames Foto, auf dem alle aussehen, als hätten sie gerade die Welt gerettet. Was sie vielleicht auch ein bisschen haben. Wirtschaftlich zumindest.

Und währenddessen sitzt irgendwo jemand in Washington, liest die Meldung und murmelt: „Interessant… sehr interessant.“ Denn nichts sagt „Wir diversifizieren unsere Partnerschaften“ so deutlich wie ein Handelsabkommen dieser Größenordnung.

Natürlich wird dieses Abkommen die Welt nicht über Nacht verändern. Es wird Ausschüsse geben. Anpassungen. Übergangsfristen. Beschwerden. Aber es wird kommen. Und es wird wirken. Langsam, stetig und mit vielen Pressemitteilungen.

Am Ende bleibt festzuhalten:
Nach 20 Jahren haben sich zwei der größten Wirtschaftsblöcke der Welt geeinigt. Nicht durch Drohungen, nicht durch Tweets, sondern durch Verhandlungen. Das allein ist schon fast revolutionär.

Und wenn man es dann auch noch „Mutter aller Deals“ nennt, dann weiß man: Dieser Deal wird uns noch lange begleiten. Mindestens bis zur nächsten Mutter aller Deals.