Die schnellste Abfahrt der Republik

Grafik: Drei Monate im Vorstand, bitte aussteigen!

Drei Monate im Vorstand, bitte aussteigen!

Freunde, ich sage es, wie es ist: Wenn man bei der Bahn über Geschwindigkeit spricht, dann meistens über Verspätung. Aber diesmal? Rekordtempo! Drei Monate. Nicht drei Jahre. Nicht drei Quartale mit Bonusdiskussion. Drei Monate – und schon soll eine Top-Personalie wieder aussteigen. Wenn das kein Hochgeschwindigkeitsmanagement ist, weiß ich auch nicht.

Also stellen wir uns die Szene vor: Neue Bahnchefin im Amt. Große Erwartungen. Frischer Wind. Und mitten im Konzernrauschen eine Finanzvorständin, die kaum Zeit hatte, ihren Kugelschreiber auszupacken – da heißt es offenbar schon: „Nächster Halt: Aufsichtsrat.“

Laut Berichten soll die Abberufung im März beschlossen werden. Die Entscheidung stehe fest. Ich liebe diese Formulierung. „Stehe fest.“ Klingt wie ein Fahrplan. Nur dass der hier tatsächlich eingehalten wird.

Was ist passiert? Offenbar soll die Finanzvorständin es geschafft haben, innerhalb kürzester Zeit eine beeindruckende Koalition gegen sich zu bilden. Politiker. Arbeitnehmervertreter. Führungskräfte. Wenn es dafür Punkte gäbe, wäre das fast schon ein strategisches Meisterwerk.

Man hört, sie habe sich immer wieder wegen Kleinigkeiten angelegt. Kleinigkeiten! Ich sage Ihnen: In großen Konzernen sind Kleinigkeiten nie klein. Eine falsch gesetzte Excel-Formel kann da mehr Emotionen auslösen als eine Zugverspätung bei Schneefall.

Vielleicht ging es um Budgets. Vielleicht um Zuständigkeiten. Vielleicht um die Frage, ob man den Konferenzraum „Innovation Hub“ oder „Strategieraum 2“ nennt. Man weiß es nicht. Aber irgendetwas muss gewaltig geknirscht haben im Getriebe des Konzerns.

Und dann: Die Reißleine. Die neue Chefin soll sie gezogen haben. Starkes Bild. Ich sehe förmlich, wie irgendwo im Vorstandsbüro ein symbolischer roter Griff hängt. „Im Notfall ziehen.“ Zack. Personalie weg.

Natürlich äußert sich der Konzern nicht. „Kein Kommentar.“ Der Lieblingssatz jeder Pressestelle. Elegant. Minimalistisch. Und maximal aussagevermeidend.

Was mich fasziniert, ist die Ironie des Ganzen. Die Bahn – bekannt für komplexe Prozesse, lange Genehmigungen, mehrjährige Großprojekte – schafft es beim Personal plötzlich zur Sprintdistanz. Drei Monate sind im Konzernmaßstab ungefähr eine verlängerte Probezeit mit Catering.

Man muss sich das vorstellen: Bewerbungsgespräch. Vertragsunterzeichnung. Pressemitteilung. Willkommen im Vorstand. Und kaum hat man die Visitenkarten gedruckt, wird schon wieder über den Abgang diskutiert.

Das ist kein Karriereweg. Das ist ein Kurzstreckenticket.

Aber seien wir ehrlich: In Spitzenpositionen herrscht kein Kuschelkurs. Es geht um Milliarden. Um Sanierung. Um politische Erwartungen. Um öffentliche Aufmerksamkeit. Wer da aneckt, eckt nicht nur leicht an – der stößt gleich gegen die gesamte Bahnhofshalle.

Vielleicht war die Finanzstrategie zu strikt. Vielleicht zu direkt. Vielleicht hat jemand gesagt: „So machen wir das jetzt.“ Und jemand anders sagte: „So machen wir das hier seit 30 Jahren nicht.“

Konflikte im Top-Management sind wie ICE-Züge im Tunnel: Von außen sieht man wenig, aber drinnen ist ordentlich Druck.

Und dann gibt es noch die politische Dimension. Wenn Politiker und Arbeitnehmervertreter ebenfalls nicht begeistert sind, dann wird es eng. Sehr eng. Dann ist das kein kleiner interner Zwist mehr. Dann ist es ein breiter Gegenwind – und Gegenwind ist bei der Bahn bekanntlich kein Beschleunigungsfaktor.

Ich frage mich, ob es intern eine Tabelle gibt: „Durchschnittliche Verweildauer im Vorstand“. Drei Monate würden den Schnitt vermutlich drastisch senken.

Natürlich könnte man sagen: Vielleicht ist es besser, schnell zu reagieren als jahrelang an einer unglücklichen Konstellation festzuhalten. Das ist die positive Lesart. Die andere Lesart ist: Drei Monate reichen offenbar, um festzustellen, dass etwas grundsätzlich nicht passt.

Und das in einem Unternehmen, das sonst Jahrzehnte plant.

Ich stelle mir vor, wie irgendwo ein Mitarbeiter trocken sagt: „Zumindest bei den Personalentscheidungen sind wir pünktlich.“

Am Ende bleibt eine Lektion in Konzernrealität: Titel sind groß. Büros sind groß. Erwartungen sind riesig. Aber die Halbwertszeit kann überraschend kurz sein.

Drei Monate – das ist weniger als eine Jahreszeit. Kaum hat man den Wintermantel abgelegt, ist man schon wieder draußen.

Ich sage: Wenn man bei der Bahn Karriere machen will, sollte man nicht nur belastbar sein. Man sollte auch sprinten können.

Denn manchmal kommt die Abfahrt schneller als der Zug.