Die Schweiz erfindet die Zukunft

Züge kommen an – Deutschland reagiert schockiert
Es ist passiert. Etwas Historisches. Etwas, das man in Deutschland bisher nur aus Science-Fiction-Filmen kennt: Züge kommen pünktlich an. Und zwar nicht irgendwo, sondern in der Schweiz. Ja, richtig gelesen. Die Schweizerische Bundesbahnen – kurz SBB – haben einen Rekord aufgestellt, der so präzise ist, dass selbst Schweizer Uhren kurz nervös wurden.
94,1 Prozent aller Personenzüge erreichten ihr Ziel pünktlich. Pünktlich! Nicht „ungefähr“. Nicht „gefühlt“. Nicht „eigentlich schon da, aber noch nicht geöffnet“. Sondern pünktlich. Im Jahr davor waren es „nur“ 93,2 Prozent. Man sieht: Auch in der Schweiz kennt man Wachstum. Allerdings leise, effizient und ohne Pressekonferenz mit PowerPoint-Folien.
Und jetzt halten Sie sich fest: Das alles wurde erreicht trotz Baustellen, trotz Großveranstaltungen, trotz Eurovision Song Contest (ein Ereignis, das nachweislich ganze Verkehrssysteme destabilisieren kann) und trotz Fußball-EM der Frauen, inklusive 1.600 Sonderzügen. In Deutschland würde man das „höhere Gewalt“ nennen und den Fahrplan vorsorglich absagen.
Aber nicht in der Schweiz. Dort sagt man: „Kein Problem. Wir planen das.“
Planen! Ein Wort, das in deutschen Bahnhöfen meist nur noch als nostalgische Inschrift aus dem 19. Jahrhundert bekannt ist.
Währenddessen blickt man nördlich der Alpen mit glasigem Blick auf diese Zahlen. Denn in Deutschland ist die Realität… sagen wir: anders. Sehr anders. Die Deutsche Bahn meldet für den Fernverkehr eine Pünktlichkeit von 60,1 Prozent. Sechzig. Punkt. Eins. Das ist kein Wert, das ist ein Hilferuf.
Im Regionalverkehr sieht es etwas besser aus: 88,7 Prozent. Daraus rechnet man sich dann – mit mathematischer Kreativität, die jeden Statistikprofessor nervös macht – eine Gesamtpünktlichkeit von 88,0 Prozent. In Deutschland nennt man das: „Schön gerechnet.“ In der Schweiz nennt man das: „Verspätet.“
Denn jetzt kommt der feine, aber entscheidende Unterschied: Definitionen. In Deutschland gilt ein Zug erst ab sechs Minuten als verspätet. Sechs Minuten! In dieser Zeit kann man in Deutschland noch schnell einen Kaffee holen, den Bahnsteig wechseln und sich neu ärgern. In der Schweiz dagegen taucht ein Zug bereits ab drei Minuten in der Verspätungsstatistik auf. Drei Minuten! Das ist in Deutschland noch nicht mal die Zeit, in der die Durchsage zu Ende gesprochen ist.
Man könnte also sagen: Die Schweiz ist strenger mit sich selbst – und trotzdem besser. Deutschland ist großzügiger – und trotzdem schlechter. Das muss man auch erst mal schaffen.
Und es wird noch schöner. Die Schweizer sind nämlich nicht nur pünktlich, sie sind auch leicht genervt. Warum? Weil Züge aus Deutschland verspätet in der Schweiz ankommen und dort die Statistik verhageln. Stellen Sie sich das vor: Die Schweiz fährt wie ein Uhrwerk – und dann rollt ein deutscher Zug rein, keuchend, verschwitzt, mit 17 Minuten Verspätung, und sagt: „Sorry, Baustelle.“
Die Schweizer schauen dann auf die Uhr, auf den Zug, wieder auf die Uhr – und denken sich Dinge, die sie aus Höflichkeit nicht sagen. Aber sie schreiben es auf. In Statistiken. Sehr ordentliche Statistiken.
Ronald Tramps Analyse ist eindeutig: Die Schweiz betreibt Bahnverkehr, Deutschland betreibt Bahnphilosophie. In Deutschland geht es weniger darum, wann ein Zug ankommt, sondern warum er nicht angekommen ist. Und ob man daraus ein neues Projekt, ein neues Gutachten oder mindestens eine neue Arbeitsgruppe machen kann.
In der Schweiz dagegen gilt ein radikales Konzept: Ein Fahrplan ist ein Versprechen.
In Deutschland ist ein Fahrplan eher eine Empfehlung mit künstlerischem Spielraum.
Natürlich gibt es Gründe. Großes Netz, alte Infrastruktur, viele Baustellen, viele Jahrzehnte Reformstau. Alles richtig. Aber irgendwann fragt man sich: Wie schafft es ein Land mit Bergen, Tunneln, Lawinen und internationalen Großereignissen, Züge pünktlich fahren zu lassen – während ein Land mit flachem Terrain an der eigenen Organisation scheitert?
Vielleicht liegt es an der Kultur.
In der Schweiz ist Pünktlichkeit Teil der nationalen Identität.
In Deutschland ist Pünktlichkeit Teil der Nostalgie.
Und während deutsche Bahnkundinnen und -kunden träumen, sitzen Schweizer Fahrgäste im Zug, schauen auf die Uhr, kommen an – und beschweren sich, wenn es zwei Minuten später ist als geplant. Luxusprobleme.
Am Ende bleibt festzuhalten:
Die Schweiz zeigt, dass Bahnverkehr funktionieren kann.
Deutschland zeigt, dass man sich daran gewöhnen kann, dass er es nicht tut.
Und irgendwo zwischen Basel und Frankfurt steht ein Zug, wartet auf eine Weiterfahrtgenehmigung und denkt sich: „In der Schweiz wäre ich längst da.“
Das, meine Damen und Herren, ist keine Satire. Das ist Fahrplanrealität.


