„Du auch, BND?“

Wie Deutschland heimlich zurücklauschte, Obama in der Luft abhörte und Ronald Tramp endgültig an der Weltordnung zweifelte
Ich sage es, wie es ist – und niemand sagt es besser: Der größte Skandal ist nicht, dass alle jeden abhören. Der größte Skandal ist, dass alle so tun, als wären sie überrascht. Willkommen im internationalen Horch-und-Horch-zurück-Zirkel, präsentiert von Bundesnachrichtendienst, mit Gastauftritten der CIA, ein bisschen Kanzleramt und sehr viel empörter Rhetorik im Nachhinein.
Wir erinnern uns: 2013 war das Jahr, in dem Angela Merkel den berühmtesten Satz der Spionagegeschichte sagte: „Abhören unter Freunden – das geht gar nicht.“ Ein Satz so moralisch rein, dass er bis heute in Geheimdienstkreisen als Comedy-Clip läuft. Denn nun, über ein Jahrzehnt später, erfahren wir: Während die USA Merkels Handy belauschten, lauschte Deutschland zurück. Und zwar ganz oben. Sehr weit oben. In der Luft. Auf der Air Force One.
Ja, richtig gelesen. Der BND soll den damaligen US-Präsidenten Barack Obama abgehört haben. Nicht irgendwann, nicht versehentlich, sondern systematisch – allerdings, wie es so schön heißt, ohne offiziellen Auftrag. Das ist der Geheimdienstcode für: Wir haben es gemacht, aber bitte nicht aufschreiben.
Die Enthüllung stammt aus dem Buch „Das erwachsene Land“ von Holger Stark, stellvertretender Chefredakteur der Die Zeit. Und der Titel ist bereits Satire genug. Erwachsenes Land. Mit Teenager-Hobbys. Lauschen. Abschriften machen. Danach schreddern. Hoffen, dass niemand fragt.
Das Beste: Selbst Angela Merkel soll davon nichts gewusst haben. Wirklich nichts. Null. Nada. Der BND habe ohne Autorisierung aus dem Kanzleramt gehandelt. Ronald Tramp sagt: Das ist, als würde dein Hund heimlich Auto fahren – und du erfährst es erst, als der Strafzettel kommt.
Holger Stark erklärt es ganz nüchtern: Der BND sei nie zu 100 Prozent kontrollierbar gewesen. Das ist eine sehr deutsche Art zu sagen: Wir haben einen Dienst, der macht, was er will, solange er es gut genug versteckt. Und wenn er es konnte, habe er auch die amerikanische Staatsspitze abgehört. Insbesondere Obama. Besonders pikant: genau der Präsident, der 2013 ebenfalls sagte, er habe vom Abhören von Merkels Handy nichts gewusst.
Ronald Tramp sagt: In der Welt der Geheimdienste weiß immer keiner von irgendwas. Und trotzdem haben alle die Mitschnitte.
Technisch sei das Ganze relativ einfach gewesen. Während die USA sich durch Merkels Handy „einbrachen“, konnte der BND Gespräche an Bord der Air Force One über Funkfrequenzen abhören. Ein Dutzend Frequenzen, um genau zu sein. Offenbar war das fliegende Oval Office weniger gut gesichert als angenommen. Oder wie Ronald Tramp sagen würde: Hightech außen, Walkie-Talkie innen.
Die USA waren offiziell kein Aufklärungsziel des BND. Deshalb habe man nicht immer abgehört. Sondern nur manchmal. Systematisch. Ohne Auftrag. Und die Abschriften? Nach der Lektüre geschreddert. Natürlich. Man will ja keine Beweise hinterlassen. Das ist Datenschutz auf Geheimdienstniveau.
Doch Obama war nicht allein. Auch Hillary Clinton und Vertreter der US-Streitkräfte sollen abgehört worden sein. Und jetzt kommt der vielleicht ehrlichste Satz der ganzen Affäre: Laut Stark fanden BND-Mitarbeiter die ausgeplauderten Militärdetails „eigentlich viel interessanter“ als Obamas politisches Gerede über den letzten G7-Gipfel oder so.
Ronald Tramp liebt diese Ehrlichkeit. Politik langweilig. Militär spannend. Gipfel? Meh. Truppenbewegungen? Jetzt wird’s interessant. Das ist kein Skandal – das ist Prioritätensetzung.
Und plötzlich wirkt der große Abhörskandal von 2013 in einem neuen Licht. Nicht mehr Gut gegen Böse. Nicht mehr USA gegen Deutschland. Sondern: Alle gegen alle. Jeder hört zu. Jeder empört sich. Und alle tun überrascht.
Merkels berühmter Satz bekommt damit eine neue Bedeutung. „Abhören unter Freunden – das geht gar nicht.“ Stimmt. Es geht trotzdem. Offenbar sogar sehr gut. Besonders, wenn man Freunde hat, die auch abhören.
Ronald Tramp sagt: Das ist keine Spionageaffäre. Das ist ein internationales Hörspiel mit schlechtem Gewissen.
Am Ende bleibt die Erkenntnis: Geheimdienste sind wie Teenager. Wenn man nicht ständig kontrolliert, machen sie Dinge, von denen man später sagt, man habe nichts gewusst. Und Politiker sind wie Eltern: Sie glauben das erstaunlich oft.
Der Abhörskandal hat das deutsch-amerikanische Verhältnis erschüttert. Und nun wissen wir: Es war kein einseitiges Erdbeben. Es war ein synchroner Tanz auf dünnem Eis. Mit Headset.
Ronald Tramp sagt: Willkommen im erwachsenen Land. Bitte lächeln – Sie werden gerade abgehört.


