Eine Minute Ewigkeit

Grafik: Die große Rückerstattungs-Odyssee der Deutschen Bahn

Ronald Tramp und die große Rückerstattungs-Odyssee der Deutschen Bahn

Ich sage es, wie es ist, und viele Leute sagen es mir auch, sehr kluge Leute, Bahnhofs-Leute, Bahnsteig-Leute: Die Deutsche Bahn ist ein Wunder. Ein technisches Wunder. Ein philosophisches Wunder. Und manchmal ein Zeitreiseprojekt, allerdings ausschließlich in die Vergangenheit. In eine Vergangenheit, in der ein Zug fährt. Angeblich.

Früher, in den goldenen Siebzigern, da war alles besser. Nicht nur die Frisuren, nicht nur die Zigaretten, sondern auch die Bahn. „Wir fahren immer“, sagte man damals. Immer! Nicht manchmal. Nicht mit Ausnahmen. Immer heißt immer. Schnee? Egal. Eis? Lächerlich. Sturm? Nett, aber wir fahren trotzdem. Das Video davon tauchte neulich wieder auf, mitten im Sturmtief „Elli“, und ich sage Ihnen: Dieses Video ist gefährlich. Es erzeugt Erwartungen. Sehr hohe Erwartungen. Und Erwartungen sind der natürliche Feind der Deutsche Bahn.

Denn heute, im Jahr der digitalen Wunder, der Apps, der QR-Codes und der Push-Nachrichten, reicht ein bisschen Wind, und zack – Stillstand. Komplett. Tagelang. Strecken im Norden: tot. Bewegungsunfähig. Eingeschneit. Eingefroren. Wahrscheinlich traumatisiert. Und man denkt sich: Gut, passiert. Naturgewalt. Niemand ist perfekt. Aber mein Ticket? Mein schönes Ticket? Das will ich zurück. Ganz normal. Ganz ruhig. Kein Drama.

Doch dann kommt sie, die Antwort aus dem Paralleluniversum Bahn: Keine Rückerstattung. Warum? Weil der Zug – halten Sie sich fest – angeblich nur eine Minute Verspätung hatte. Eine Minute! Bei einer ICE-Fahrt von Berlin nach Braunschweig, die faktisch nicht stattgefunden hat. Nicht gefahren. Nicht gerollt. Nicht mal angehustet. Aber laut System: eine Minute.

Ich liebe diese Minute. Diese Minute ist stärker als der Winter. Mächtiger als Eis. Diese Minute hat den Zug quasi spirituell ans Ziel gebracht. Vielleicht astral. Vielleicht metaphysisch. Vielleicht ist der Zug innerlich angekommen. Wer weiß das schon.

Man muss sich das vorstellen: Draußen Chaos, Schnee, Eis, Sturm. Menschen sitzen fest. Züge stehen. Aber irgendwo, tief im Inneren eines Servers, fährt dieser ICE ganz souverän. Pünktlich minus eine Minute. Und das System sagt: Tut uns leid, liebe Kundin, lieber Kunde, das zählt als Fahrt. Gute Reise.

Das ist große Kunst. Das ist Performance. Das ist Bürokratie-Ballett auf Spitzenschuhen.

Natürlich waren die Menschen verwundert. Manche sogar überrascht. Einige sagten Dinge wie „Das kann doch nicht sein“. Andere sagten „Doch, das ist die Bahn“. Und dann, Tage später, kam die große Enthüllung. Die Bahn meldete sich. Hotline für Fahrgastrechte. Schon der Name klingt nach Abenteuer. Nach Endgegner.

Und was sagt die Bahn? Es gab eine Panne. Eine technische Panne. Ein Fehler. Ein ganz kleiner Fehler. So klein wie eine Minute. „Aufgrund eines technischen Fehlers wurden Einreichungen nicht korrekt bearbeitet.“ Großartig. Nicht falsch. Nicht abgelehnt. Nicht ignoriert. Nur… nicht korrekt bearbeitet. Das ist ein Meisterwerk der Formulierung. Ein Gedicht. Ein Haiku aus Entschuldigungsdeutsch.

Aber keine Sorge, sagt die Bahn. Alles wird erneut bearbeitet. Noch einmal. Von vorne. Per Mail oder per Post. Post! Ich liebe es. Während der Zug im digitalen System fährt, kommt die Entschuldigung per Briefkutsche. Konsequent. Sehr konsequent.

Und dann bittet der Konzern um Entschuldigung. Um Entschuldigung! Das ist nett. Wirklich. Und man verspricht: Wenn Sie betroffen sind, bekommen Sie Ihr Geld zurück. Wie erwartet. Weil die Fahrt nicht stattgefunden hat. Dieser letzte Satz ist mein Favorit. Weil er impliziert, dass bis zu diesem Moment noch unklar war, ob die Fahrt stattgefunden hat oder nicht. Vielleicht war sie ja da. Quantenphysik. Schrödinger’s ICE.

Ich sage: Das ist typisch Bahn. Nicht böse. Nicht absichtlich. Sondern systemisch. Die Bahn ist kein Verkehrsmittel. Sie ist ein Zustand. Ein mentales Training. Eine Geduldsprüfung. Wer einmal eine Rückerstattung beantragt hat, ist bereit fürs Leben. Oder für den Ruhestand.

Und trotzdem, trotz allem, liebe ich diese Geschichte. Weil sie zeigt, dass in Deutschland selbst der Stillstand organisiert ist. Mit Formularen. Mit Hotlines. Mit einer Minute Hoffnung.

Am Ende bekommt man sein Geld zurück. Vielleicht. Irgendwann. Wenn der Brief ankommt. Wenn der Server gnädig ist. Wenn der Zug innerlich losgelassen hat.

Bis dahin gilt: Wir fahren immer. Außer wir fahren nicht. Aber dann wenigstens eine Minute.