Eis, Kugeln und Klagen

Grafik: Wie Amerika wieder einmal vor Gericht zieht – und niemand behauptet, schuld zu sein

Wie Amerika wieder einmal vor Gericht zieht – und niemand behauptet, schuld zu sein

Von Ronald Tramp, international anerkannter Beobachter für Chaos mit Verfassung

Ich sage es gleich am Anfang, damit es später keine Missverständnisse gibt: Das hier ist Amerika in seiner reinsten Form. Tragisch. Laut. Juristisch. Und mit Presseerklärungen, die so heiß sind, dass sie eigentlich einen Feuerlöscher bräuchten. Nach den tödlichen Schüssen auf Renee Good bei einer Razzia der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis geht es jetzt vor Gericht. Nicht metaphorisch. Wirklich. Mit Klageschrift. Mit Paragrafen. Mit sehr vielen Anwälten.

Der Bundesstaat Minnesota und die Metropolregion Minneapolis–Saint Paul verklagen die Trump-Regierung. Das ist keine kleine Sache. Das ist kein höflicher Brief. Das ist ein politisches „Wir sehen uns vor Gericht“ mit Anlauf. Und namentlich richtet sich die Klage unter anderem gegen Kristi Noem, Heimatschutzministerin und zuständig für Behörden, die mit Namen arbeiten, die klingen, als wären sie direkt aus einem Actionfilm gecastet worden: ICE und CBP.

Der Vorwurf? Schwer. Sehr schwer. Die Razzien gegen Migranten sollen unter anderem gegen das US-Verfassungsrecht der freien Meinungsäußerung verstoßen. Freie Meinungsäußerung! Das ist nicht irgendein Zusatzartikel. Das ist First Amendment. Nummer eins. Ganz oben. Direkt nach „Wir sind frei“ kommt „Wir sagen, was wir wollen“. Und jetzt sagt Minnesota: Genau das wird hier verletzt.

Ziel der Klage ist eine einstweilige Verfügung. ICE-Einsätze sollen eingestellt oder zumindest begrenzt werden. Übersetzt heißt das: Stopp. Erst reden. Dann rennen. Für eine Regierung, die gerne zuerst handelt und später erklärt, ist das eine ungewohnte Reihenfolge.

Der Generalstaatsanwalt von Minnesota, Keith Ellison, findet klare Worte. Sehr klare Worte. Er spricht von Terror. Von schlecht ausgebildeten, aggressiven und bewaffneten Bundesagenten, die Minnesota mit rechtswidrigem Verhalten terrorisiert hätten. Das ist keine diplomatische Sprache. Das ist juristischer Presslufthammer.

Natürlich kam die Antwort aus dem Weißen Haus prompt. Sie kam immer prompt. Eine Sprecherin nannte die Klage „erbärmlich“. Ein schönes Wort. Kurz. Präzise. Emotional. Und natürlich mit dem obligatorischen Satz: Die Demokraten würden illegale Kriminelle über hart arbeitende Amerikaner stellen. Dieser Satz ist ein Klassiker. Er passt immer. Wie Ketchup. Egal zu welchem Thema.

Hinter all dem steht ein Wahlkampfversprechen. Ein großes. Ein lautes. Die größte Abschiebeaktion in der Geschichte der USA. Das klingt nicht nach Verwaltung. Das klingt nach Event. Nach Zahlen. Nach Schlagzeilen. ICE und CBP wurden in verschiedene Städte geschickt, um Menschen ohne rechtmäßigen Aufenthaltsstatus ausfindig zu machen und abzuschieben. Systematisch. Konsequent. Und, wie Kritiker sagen, ohne Rücksicht.

Der konkrete Auslöser der Klage ist der Tod von Renee Good. 37 Jahre alt. Mutter von drei Kindern. Erschossen bei einem Einsatz in Minneapolis. Die Trump-Regierung sagt: Notwehr. Die Frau habe versucht, einen Agenten mit ihrem Wagen anzufahren. Viele andere sagen: Das sei Mord. Und sie gehen auf die Straße. Sie protestieren. Sie schreien. Sie trauern. Und sie fordern Konsequenzen.

Und genau hier wird es amerikanisch kompliziert. Zwei Versionen. Zwei Wahrheiten. Zwei Pressekonferenzen. In der einen ist es ein gefährlicher Einsatz mit Sekundenentscheidungen. In der anderen ein untragbarer Akt staatlicher Gewalt. Dazwischen stehen Videos, Zeugenaussagen, Emotionen – und bald Richter.

Was wir hier sehen, ist nicht nur ein Rechtsstreit. Es ist ein Grundsatzkonflikt. Sicherheit gegen Freiheit. Durchsetzung gegen Verhältnismäßigkeit. Wahlversprechen gegen Wirklichkeit. Und alles verpackt in Juristendeutsch, das so trocken ist, dass man es nur mit viel Kaffee übersteht.

Ich sage: Wenn Bundesstaaten beginnen, die Bundesregierung wegen Terrorvorwürfen zu verklagen, dann ist die politische Temperatur nicht nur hoch – sie kocht. Und wenn ein Tod der Auslöser ist, dann ist jede juristische Spitzfindigkeit eigentlich zweitrangig. Denn egal, wie das Gericht entscheidet: Eine Familie hat verloren.

Aber Amerika wäre nicht Amerika, wenn daraus nicht sofort ein großes politisches Drama würde. Mit Klagen. Mit Gegenerklärungen. Mit Talkshows. Mit Wahlkampf.

Am Ende wird ein Gericht entscheiden. Paragraph für Paragraph. Absatz für Absatz. Und egal, wie das Urteil ausfällt: Eine Seite wird sagen, die Verfassung habe gewonnen. Die andere, sie sei verraten worden.

Willkommen in Amerika.
Land der Freiheit.
Land der Klagen.