Führerschein 2.0

Grafik: Oma auf dem Beifahrersitz und YouTube als Fahrlehrer

 

Bald mit Oma auf dem Beifahrersitz und YouTube als Fahrlehrer

Von Ronald Tramp, Verkehrsexperte für digitale Kupplungsvorgänge und Familienfahrten mit pädagogischem Risiko

Es war einmal eine Zeit, da kostete der Führerschein Geld. Heute kostet er ein kleines Einfamilienhaus. Wer aktuell den Traum vom eigenen Lenkrad verwirklichen möchte, braucht nicht nur Geduld, sondern ein Finanzkonzept, zwei Nebenjobs und möglicherweise eine stille Beteiligung der Großeltern.

Ich hörte kürzlich von einem Bekannten, was er für seinen Führerschein zahlen soll. Ich dachte erst, er kauft gleich das Auto mit. Aber nein – nur die Erlaubnis, es fahren zu dürfen. Rund 2000 Euro mehr als früher. Für denselben Blinker. Dieselbe Kupplung. Dieselbe Verkehrsinsel.

Jetzt kommt die große Reform. Mehr Freiheiten. Mehr Flexibilität. Mehr Verantwortung. Weniger Unterricht. Weniger Sonderfahrten. Weniger Fragen. Man könnte sagen: weniger alles – außer Mut.

Künftig soll man sich den Theorieunterricht online aneignen dürfen. Ganz allein. Zuhause. Mit Laptop. Vielleicht im Pyjama. Vielleicht zwischen zwei Streaming-Folgen. Wer sich gut vorbereitet fühlt, meldet sich einfach zur Prüfung an. Das klingt nach Selbstbestimmung. Oder nach „Ich habe drei TikTok-Videos gesehen, ich bin bereit für die Autobahn“.

Auch die Prüfungsfragen werden reduziert. Von 1169 auf rund 840. Ein Drittel weniger. Endlich! Niemand braucht so viele Fragen. Schließlich ist Verkehr einfach: Grün heißt fahren, Rot heißt stehen, Gelb heißt Gas geben. Mehr muss man nicht wissen, oder?

Das Bewertungssystem wird vereinfacht. Jede Frage nur noch ein Punkt. Aber Vorsicht: sicherheitsrelevante Fragen dürfen nicht falsch sein. Das ist großartig. Man darf also nicht wissen, was ein Verkehrszeichen bedeutet – aber bitte korrekt wissen, wann man nicht frontal in den Gegenverkehr fährt. Fair.

Die Sonderfahrten werden von zwölf auf drei reduziert. Eine Nachtfahrt, eine Autobahnfahrt, eine Überlandfahrt. Fertig. Das ist Effizienz. Warum öfter nachts fahren, wenn man doch einmal bewiesen hat, dass man im Dunkeln nicht sofort panisch wird? Warum Autobahn üben, wenn man weiß, dass es geradeaus geht?

Und dann kommt die Innovation, die alles verändert: die Laienausbildung. Übungsfahrten mit einer nahestehenden Person. Eltern. Großeltern. Onkel mit Meinung. Tante mit Erfahrung aus dem Jahr 1978. Voraussetzung: Der Schüler hat die Theorie bestanden und sechs praktische Stunden absolviert. Die Begleitperson muss seit sieben Jahren den Führerschein haben.

Sieben Jahre. Das heißt: Wer mit 18 den Führerschein macht, darf mit 25 schon jemand anderen anleiten. Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Du kannst seit sieben Jahren Nudeln kochen? Dann eröffne bitte ein Restaurant.“

Ich sehe es vor mir: Ein Auto mit Aufkleber „Familienfahrtraining“. Innen: Ein nervöser Fahranfänger am Steuer. Neben ihm: Papa. Mit verschränkten Armen. „Damals bin ich ohne ABS gefahren.“ Von hinten ruft Oma: „Du fährst zu schnell!“ Opa kommentiert jede Schaltung. Und irgendwo im Hintergrund fragt jemand: „Warum quietscht es so?“

Es wird pädagogisch. Es wird emotional. Es wird laut.

Natürlich hat das alles Vorteile. Mehr Praxis. Mehr Routine. Mehr Fahrgefühl. Aber auch mehr Meinungen. Und wir wissen: Es gibt nichts Gefährlicheres im Straßenverkehr als fünf unterschiedliche Anweisungen gleichzeitig.

„Kupplung kommen lassen!“
„Mehr Gas!“
„Weniger Gas!“
„Blinker!“
„Nein, nicht der Scheibenwischer!“

Das ist kein Fahrtraining. Das ist Familienselbsthilfegruppe auf Rädern.

Dann kommt noch die Preis-Transparenz. Fahrschulen sollen ihre Preise zentral melden. Vergleichsportale können sie anzeigen. Bestehensquoten sollen ebenfalls öffentlich werden. Das ist revolutionär. Endlich sieht man, ob die Fahrschule um die Ecke 4000 Euro verlangt oder 3800 – bei gleicher Durchfallquote.

Transparenz ist gut. Wettbewerb ist gut. Aber am Ende bleibt die Frage: Wird es wirklich günstiger? Oder nur anders teuer?

Ich, Ronald Tramp, sage: Wir erleben hier den Versuch, den Führerschein vom Luxusgut zurück zur Bürgerlizenz zu machen. Mehr Selbststudium. Weniger Pflicht. Mehr Eigenverantwortung. Weniger staatliche Struktur.

Das klingt modern. Es klingt flexibel. Es klingt nach „Do it yourself“. Aber Autofahren ist kein Möbelstück von einem schwedischen Hersteller. Man kann es nicht einfach zusammenschrauben und hoffen, dass am Ende nichts wackelt.

Vielleicht funktioniert es. Vielleicht entsteht eine neue Generation souveräner Fahrer, die online gelernt, mit Papa geübt und mit Oma diskutiert haben. Vielleicht aber auch eine Generation, die beim Einparken fragt: „Gibt’s dafür kein Update?“

Eines ist sicher: Der Führerschein bleibt ein Initiationsritus. Früher war er teuer und streng. Künftig ist er vielleicht günstiger und familiärer. Aber eines wird sich nie ändern: Irgendwann sitzt jemand am Steuer, der glaubt, er könne es – und merkt, dass Theorie, YouTube und Opa-Kommentare doch keine Vollkaskoversicherung sind.

Bis dahin empfehle ich: Anschnallen. Tief durchatmen. Und beim ersten Kreisverkehr bitte nicht die ganze Familie abstimmen lassen.