Harry gegen die Schlagzeile

Grafik: Prinz Harry, bitte erscheinen Sie persönlich.

Wie ein Prinz zurück nach London flog, um mit Anwälten gegen Telefone, Zeitungen und die Vergangenheit zu kämpfen

Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der weiß, wie es ist, wenn alle über einen reden – oft ohne zu fragen. Sad!

Es gibt Momente, da ruft die Geschichte. Und dann gibt es Momente, da ruft der Anwalt. In diesem Fall rief der Anwalt sehr laut, sehr britisch und vermutlich mit höflichem Akzent: Prinz Harry, bitte erscheinen Sie persönlich. Und Harry erschien. Natürlich erschien er. Denn nichts sagt „Ich bin darüber hinweg“ so deutlich wie ein Langstreckenflug, um vor Gericht gegen Boulevardzeitungen zu kämpfen.

Der jüngere Sohn von König Charles III. reiste also zurück in seine alte Heimat – London! Regen! Nostalgie! Kameras! – um am High Court aufzutauchen. Am High Court, wohlgemerkt. Ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wird. Und Klagen. Sehr viele Klagen.

Es ist der dritte Prozess. DER DRITTE. Drei Prozesse gegen Zeitungsverlage. Das ist kein Rechtsstreit mehr – das ist eine Serie. Staffel drei. Wahrscheinlich die letzte Staffel. Oder auch nicht. Man weiß es nie bei royalen Spin-offs.

Harry wirft dem Verlag ANL, Herausgeber von Daily Mail und Mail on Sunday, schwere Dinge vor. Sehr schwere Dinge. Dinge, bei denen selbst James Bond sagen würde: „Das ist mir zu viel.“
Privatdetektive! Abhörgeräte! Autos! Wohnungen! Telefone! Medizinische Daten! Alles dabei. Ein echtes Best-of der angeblichen Boulevard-Tricks.

Die Vorwürfe lesen sich wie ein Drehbuch:
Detektive schleichen um Autos herum. Mikrofone unter Sitzen. Gespräche, die eigentlich niemand hören sollte. Und irgendwo sitzt ein Redakteur und denkt: Das wird eine tolle Schlagzeile.

Harry sagt: Schluss damit. Genug. Aus. Ende. Und diesmal meint er es wirklich. Zumindest für die nächsten neun Wochen. Denn so lange soll der Prozess dauern. NEUN WOCHEN. Das ist länger als manche Ehen. Und deutlich länger als die Aufmerksamkeitsspanne des modernen Lesers.

Harry wird selbst als Zeuge aussagen. Persönlich. Am Donnerstag. Ein Prinz im Zeugenstand – das hat Stil. Das ist Drama. Das ist Content. Ich garantiere Ihnen: Kein Streamingdienst der Welt hätte sich das besser ausdenken können.

Und Harry ist nicht allein. Oh nein. Das ist keine Solo-Tour. Das ist ein Promi-Ensemble. Mit dabei: Elton John – Sir Elton! – und sein Ehemann David Furnish. Außerdem die Schauspielerinnen Elizabeth Hurley und Sadie Frost. Eine Klage so glamourös, dass man sich fragt, ob es dafür einen roten Teppich gibt.

Die Botschaft ist klar: Das ist kein Einzelfall. Das ist ein System. Ein System aus Schlagzeilen, Klicks und sehr dünnen Grenzen zwischen „öffentliches Interesse“ und „Warum wisst ihr das überhaupt?“.

Natürlich sagt der Verlag: Alles legal. Alles korrekt. Alles Journalismus. Und das ist der Punkt, an dem sich die Geschichte spaltet. Auf der einen Seite: Prinz Harry, der sagt, seine Privatsphäre sei systematisch verletzt worden. Auf der anderen Seite: Zeitungen, die sagen, sie hätten nur getan, was Zeitungen eben tun – nämlich alles wissen wollen. Und es dann groß drucken.

Harry ist längst nicht mehr der Prinz, der höflich lächelt und winkt. Er ist der Prinz, der Aktenordner kennt. Der Schriftsätze liest. Der „Klage“ nicht mehr für ein böses Wort hält, sondern für ein Werkzeug. Sehr modern. Sehr amerikanisch. Sehr teuer.

Man kann darüber lachen. Viele tun das. Man kann auch sagen: „Ach Harry, lass es doch.“ Aber dann muss man sich fragen: Wie wäre es, wenn jemand ständig mithört? Wenn Gespräche nicht privat sind? Wenn selbst medizinische Daten plötzlich Schlagzeilen werden? Dann wird aus Satire sehr schnell Ernst.

Und trotzdem bleibt es ein royaler Moment der Extraklasse: Ein Prinz, der gegen Zeitungen kämpft. Nicht mit Schwertern. Nicht mit Armeen. Sondern mit Anwälten. Und Geduld. Viel Geduld.

Neun Wochen Prozess. Aussagen. Beweise. Headlines über Headlines. Und irgendwo in London sitzt ein Redakteur und denkt: Das wird eine großartige Geschichte.

Ironie? Nein. Das ist die perfekte britische Tragikomödie. Mit Adel, Anwälten und Abhörgeräten.

Bleiben Sie diskret.
Oder wenigstens unauffällig.