Ich arbeite gern

aber nicht für den Untergang des Abendbrots
Ein Kommentar aus dem Maschinenraum der maximalen Arbeitsmoral von Ronald Tramp
Es gibt Momente, da liest man eine Zahl und weiß sofort: Diese Zahl hat Gefühle. Große Gefühle. 73,5 Prozent! Eine wunderschöne Zahl, eine starke Zahl, eine ehrliche Zahl. Fast schon eine patriotische Zahl. Und diese Zahl sagt: Nein. Nein zur 48-Stunden-Arbeitswoche. Nein zu „Mehr malochen für weniger Leben“. Nein zu dem großartigen Plan einiger sehr beschäftigter Menschen, die offenbar selbst nie nach 17 Uhr irgendwo auftauchen müssen, wo Kinder, Partner oder ein leerer Kühlschrank warten.
73,5 Prozent der Arbeitnehmenden sagen: Das wäre negativ oder sehr negativ für mein Leben. Und ich sage: Sehr klug. Sehr weise. Die klügsten Arbeitnehmenden der Welt. Wirklich. Fantastische Menschen. Arbeiten hart, zahlen Steuern, tragen dieses Land – und sollen dann auch noch ihre Freizeit opfern, damit irgendwo PowerPoint-Folien schneller altern können? Unglaublich.
Die Idee ist ja immer dieselbe: „Wir müssen mehr arbeiten.“ Mehr Stunden. Länger. Härter. Am besten mit einem Lächeln, einem Bandscheibenvorfall und einem leichten Zittern im Auge. Und wer etwas dagegen sagt, dem wird sofort erklärt, er sei faul. Oder undankbar. Oder beides. Klassiker.
Aber die Realität – diese lästige, unproduktive Realität – sieht anders aus. Die Menschen sagen: Ich habe ein Leben. Familie. Freunde. Sport. Hobbys. Manche haben sogar Haustiere, die nach 19 Uhr gefüttert werden müssen. Skandalös! Und dann kommt diese 48-Stunden-Woche daher wie ein schlecht gelaunter Staubsaugervertreter und sagt: „Entschuldigung, ich sauge Ihnen jetzt auch noch den Rest Ihres Tages weg.“
Viele nennen gesundheitliche Gründe. Körperlich. Psychisch. Erschöpfung. Stress. Burnout. Und jetzt kommt der große Überraschungsmoment: Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist ein Zeichen von Intelligenz. Wer glaubt, Menschen würden produktiver, wenn man sie länger quält, glaubt auch, dass Zitronen süßer werden, wenn man sie anschreit.
Und dann diese wundervolle Logik: „Andere Länder arbeiten auch mehr.“ Ja. Andere Länder essen auch um 22 Uhr zu Abend, schlafen im Büro oder halten Power-Naps auf Konferenztoiletten. Müssen wir wirklich jeden Trend mitmachen? Ist das das große Ziel? Der internationale Wettbewerb um den müdesten Arbeitnehmer?
Die Wahrheit ist: Arbeit ist wichtig. Sehr wichtig. Ich liebe Arbeit. Arbeit liebt mich. Wir haben eine fantastische Beziehung. Aber Arbeit ist kein Haustier, das man rund um die Uhr füttern muss. Arbeit ist ein Teil des Lebens – nicht das komplette Menü.
73,5 Prozent sagen klar: Eine 48-Stunden-Woche nimmt ihnen Zeit. Zeit für Familie. Für Freunde. Für Sport. Für Dinge, die nichts mit Tabellen, Meetings oder E-Mails mit dem Betreff „Kurze Frage“ zu tun haben, die dann drei Stunden dauern. Und diese Dinge, liebe Freunde der Dauerarbeit, sind kein Luxus. Sie sind der Grund, warum Menschen morgens überhaupt aufstehen und nicht einfach liegen bleiben und sagen: „Macht ihr das heute ohne mich.“
Und wissen Sie, was wirklich erstaunlich ist? Diese Ablehnung kommt nicht von Leuten, die „nicht arbeiten wollen“. Sie kommt von Menschen, die bereits arbeiten. Viel. Engagiert. Verantwortungsvoll. Und genau diese Menschen sagen: Bis hierhin und nicht weiter.
Die 48-Stunden-Woche ist kein modernes Konzept. Sie ist ein nostalgischer Ausflug in Zeiten, in denen Erschöpfung noch als Charakterstärke galt. Heute wissen wir: Müde Menschen machen Fehler. Gestresste Menschen werden krank. Überarbeitete Menschen kündigen innerlich – oder ganz real.
Aber keine Sorge, man hört dann sofort: „Das ist doch freiwillig.“ Freiwillig! Ein wundervolles Wort. So freiwillig wie „Bleib doch noch kurz“ oder „Das schaffen wir heute noch“. Freiwillig wie ein Montagmorgen.
73,5 Prozent sagen Nein. Das ist keine knappe Mehrheit. Das ist ein klares Signal. Ein riesiges, blinkendes Warnschild mit der Aufschrift: „So nicht.“ Und wer jetzt noch glaubt, man müsse nur lauter rufen oder moralisch stärker winken, der hat die Menschen nicht verstanden – oder will sie nicht verstehen.
Mein Fazit? Eine Gesellschaft wird nicht stärker, indem sie ihre Menschen länger festhält. Sie wird stärker, wenn sie ihnen erlaubt, auch zu leben. Denn ausgeruhte, gesunde, zufriedene Menschen arbeiten besser. Kreativer. Loyaler. Und sie müssen nicht jede Woche überlegen, ob ihr Sofa sie vielleicht dauerhaft aufnehmen möchte.
73,5 Prozent. Eine großartige Zahl. Die beste Zahl. Wirklich.
Und sie sagt: Arbeit ja. Selbstauslöschung nein.


